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Von Palatschinken und Kaiserschmarrn

Mit Palatschinken hatte ich als Schweizerin schon immer ein Problem. Ich fand es seit jeher ein total unmögliches Wort für eine Süssspeise, genauso wie Kaiserschmarrn übrigens. Was hatte dieser kuriose Schinken bei den Desserts zu suchen und was sollte denn dieser Schmarren?

Nun gut, beide Wörter gab es bei uns in der Schweiz nicht, ich sah sie als Jugendliche zum ersten Mal auf einer Wiener Menükarte unter den Nachspeisen. Natürlich wurde ich dann aufgeklärt, das Wort Palatschinken sei ein Plural und werde in der Einzahl als Palatschinke ausgesprochen, und vom Schinken war, auch zum Glück für jeden Muslim übrigens, keine Spur. Auch der Schmarren habe in Österreich einfach eine zusätzliche Bedeutung, eine kulinarische eben, und diese stehe im Duden sogar an erster Stelle bei der Bedeutungserklärung.

Der Schmarren ist auch wirklich eine süsse Mehlspeise, eine Art dickere Palatschinke, die in Stücke zerrissen und mit Puderzucker, das heisst in Österreich natürlich mit Staubzucker, bestreut und mit Kompott angerichtet wird. Die Palatschinke ist hingegen das, was wir in der Deutschschweiz ganz banal eine Omelette nennen, also ein flacher, in der Bratpfanne gebackener Eierkuchen, den man in unserer Deutschschweizer Küche sowohl pikant wie süss füllen kann, mit einer würzigen Pilzrahmsauce zum Beispiel, aber auch mit Konfitüre.

In der Westschweiz und in Frankreich ist es aber eher eine Crêpe, die man meistens süss verzehrt, mit Zucker überpudert, mit Konfitüre oder mit Nutella bestrichen. In Frankreich kann man Crêpes übrigens an manchen Ständen auf der Strasse kaufen. Einen Omelett-Stand wird man meines Wissens in der Deutschschweiz hingegen vergeblich suchen. Im Internet aber lässt sich feststellen, dass es in Österreich durchaus mobile «Palatschinkenkuchl» oder Lokale gibt, die sich auf pikante wie süsse Palatschinken spezialisiert haben.

Zweifellos können die Österreicher ihre Eierkuchen auf tausendundeine Art ganz wunderbar zubereiten, aber wenn man der Etymologie der Palatschinke einmal auf den Zahn fühlt und im Duden nachschlägt, wird man nicht ohne Befremden feststellen, dass Palatschinke vom Ungarischen palacsinta, vom Rumänischen plăcintă und somit vom Lateinischen placenta, also vom Wort Plazenta kommt. Falls es einem dabei den Appetit verschlägt, blättert man im Duden am besten noch ein paar Seiten weiter bis zum Eintrag Plazenta und kann dann erleichtert aufschnaufen und weiteressen, da dieses lateinische Wort seinerseits aus dem Griechischen plakoũnta, dem Akkusativ von plakoũs stammt, was flacher Kuchen bedeutet.

Copyright Anja Siouda

Dies ist eine von 53 Erzählungen aus dem Buch Tuttifrutti – Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack von Anja Siouda. Der Erzählband erschien erstmals 2016 beim Verlag Pro Libro in Luzern, 2019 dann in einer Neuauflage als Buch und Ebook bei BoD. Die 53 Erzählungen sind unterteilt in zwölf Passionsfrüchte, zehn Zankäpfel, dreizehn Maulbeeren, neun Knacknüsse und neun Kichererbsen.

Foto von Hakim Santoso von Pexels

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1 Comment

  1. Lisa sagt:

    Meine amerikanische Cousine, deren Eltern Serben und Kroaten waren, macht regelmässig mit ihren Enkeln Palacinke!

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