Ist hier noch frei?
22 November 2020
Der Verdacht
26 November 2020

„Der Sprung“ von Simone Lappert

Diesen Roman wollte ich eigentlich zuerst gar nicht lesen, denn tatsächlich hat sich eine junge Freundin von mir Anfang dieses Jahres das Leben genommen, indem sie von einer Brücke sprang.

Ich dachte mir dann aber nach einiger Zeit, vielleicht hilft es mir ja, den Sprung meiner Freundin zu verstehen, wenn ich dieses Buch lese. Geholfen hat es definitiv nicht, denn die Gründe für den Sprung in den Tod sind natürlich sehr individuell, aber der Roman gefiel mir trotz des Themas gut (sodass ich ihn fast in einem Zug las), weil es sich in der raffiniert konstruierten Geschichte eigentlich nicht nur um die Frau auf dem Dach dreht, die hinunterspringen will, sondern vor allem um all die Menschen in ihrem Umkreis (oder auch nur elende Gaffer), die durch diese Situation teilweise negative und teilweise aber auch höchst positive Dinge erleben. Die ausgeklügelte Verkettung der vielen Personen untereinander ist spannend und auch witzig. Es ist eine wahre Kunst, für so viele einzelne Protagonisten aus vier verschiedenen Generationen eine eigene Biographie/Lebenssituation zu erfinden und diese verschiedenen Leben dann auch noch alle miteinander zu verknüpfen.

Auch die Vieldeutigkeit im Titel, die einem erst im Laufe der Zeit auffällt, gefällt mir sehr gut. Tatsächlich kann ein Sprung nicht nur vertikal geschehen, sondern im übertragenen Sinn auch horizontal durch die ganze Gesellschaft gehen!

Figuren und Paare:

Finn und Manu – sie ist Gärtnerin und Biologin und er ist Velokurier– hätten eigentlich im Gegensatz zu anderen Paaren im Roman eine gute Beziehung, weil sie einander so leben lassen, wie sie sind, weil sie sich annehmen, wie sie sind. Sie verstehen sich im Bett und im Leben!

Die rundliche Maren fühlt sich von Hannes entfremdet, seit dieser zwanzig Kilos verloren hat und sie führt jetzt ein lustloses Leben. Sie flüchtet deshalb mit ihrem Bekannten Jaris nach Paris, der sich als totaler Angeber herausstellt. Hannes geht derweil fremd mit der Politikerin Astrid, die für das Bürgermeisteramt in Freiburg kandidiert.

Der Polizist Felix schafft es nur knapp, mit seiner Auszubildenden Carola den Selbstmord eines Mannes zu verhindern, der sich in seiner eigenen Wohnung erschiessen will. Felix wird später auch wieder aufgeboten, die Verrückte auf dem Dach zur Vernunft zu bringen, denn er hat eine Fortbildung in Psychologie gemacht, um mit solchen Fällen umzugehen. Selber leidet er aber immer noch an einem schrecklichen Trauma aus seiner Kindheit. Felix lebt mit Monique zusammen, die ein Kind von ihm erwartet, aber er hat Mühe mit ihrer Schwangerschaft, weil er sein Kindheitstrauma in sich hineingefressen hat.

Die alte einsame Edna lebt zurückgezogen mit ihrer Schildkröte Cosima, seit sie als Lokführerin mit zwei Selbstmorden auf dem Gleis konfrontiert war. Sie ist ungewollt für ein grosses Missverständnis im Roman verantwortlich, denn sie ruft die Polizei für die Verrückte auf dem Dach.

Der Obdachlose Henry nächtigt mit dem Obdachlosen Lukas im Park und brät Kräuter. Henry ist von seinem Sohn von zuhause weggejagt worden, Lukas hat seine Wohnung wegen einer Zahnarztrechnung verloren.

Egon Moosbacher hat früher Hüte hergestellt, aber er musste seinen Laden zumachen und arbeitet nun als Vegetarier im Schlachthaus, wo er Finn jeweils die Schweineaugen übergibt, die dieser in die Augenklinik transportieren muss. Moosbachers Mutter Magali hat Alzheimer und ist mit einem Jagdgewehr unterwegs.

Roswitha betreibt ein kleines Restaurant und Hotel, wo sich alle Protagonisten ab und zu hinbegeben und wo alle einen gewissen Trost finden.

Ernesto ist der Designer aus Italien, der daran verzweifelt, dass ihm keine originelle Idee in den Sinn kommt, um seiner Kollektion den letzten Schliff zu geben.

Die rundliche Winnie wird von Timo und der magersüchtigen Salomé in der Schule und im Internet gemobbt, verbündet sich aber am Ende mit Salomé gegen Timo und zahlt ihm seine Boshaftigkeit heim.

Theres erhält mit ihrem im Laufe der Jahre wegen dem Niedergang ihres Ladens depressiv gewordenen Mann Werner das Geschäft am Leben und ihre einzige Freude ist das Überraschungseierritual am Morgen, bevor ihr Laden aufgeht.

Die Politikerin Astrid, die eigentlich mit Stefan eine Beziehung hat, denkt nur an ihre Karriere als Bürgermeisterin und will ihre Verantwortung gegenüber ihrer Halbschwester Manu nicht wahrnehmen. Sie realisiert gegen Ende hin, dass ihr Geliebter Hannes massgeblich am ganzen dramatischen Geschehen beteiligt ist.

Eigentlich geht es in dem ganzen Roman darum, wer denn eigentlich «verrückt» ist: die Frau, die stundenlang auf dem Dach verharrt, oder all die anderen Figuren des Romans … beziehungsweise unser moderner Lebens-, Beziehungs- und Gesellschaftsstil, den Lappert oftmals sehr ironisch und eigentlich gnadenlos beschreibt.

Diejenige, die alle für die Verrückte halten, ist die einzige, die sich von Anfang an mit Herz und Seele um die Natur sorgt, die sagt, dass auch Pflanzen sensible Wesen sind, die mit ihren Wurzeln kommunizieren und Gemeinschaften bilden.

Im Zeitalter der modernen Kommunikation werden gerade Menschen aber trotz aller technischer Möglichkeiten immer einsamer, noch individualistischer und absolut empathielos den Mitmenschen gegenüber.

Das ultimative Foto einer Selbstmörderin, die vom Dach springt, wird zur geilen Sensation, zum Gratis-Spektakel.

Die Figuren im Roman sind entweder konkret miteinander verwandt, verheiratet oder befreundet oder sie sind in einer bestimmten Weise über Objekte und Orte verbunden und diese Verbindung wird ihnen (und der Leserschaft) erst im Laufe der Zeit klar.Objekte und Orte sind wie Planeten, um welche die zahlreichen Figuren kreisen. Teilweise kreuzen sie sich und es gibt spannende Wechselwirkungen (siehe dazu mein Schema unten).

Besondere Bindeglieder sind nicht nur der Blick auf das Dach, auf dem die Frau sich befindet, sondern auch ein Laden, ein Restaurant, ein Schokoladekuchen, ein Velo, eine Bluse und ein Hut!

Die drei Hauptschauplätze sind das Dach, der Laden und das Restaurant! Der Laden ist ein Zentrum: darum herum kreisen alle Protagonisten. Alle waren schon dort oder kommen dorthin, während Manu auf dem Dach ist. Das Restaurant ist auch ein Zentrum, in dem viele Protagonisten immer wieder vorbeischauen. Nicht zuletzt, weil die Wirtin Roswitha für viele Figuren sozusagen der Felsen in der Brandung ist. Beim Dach besteht eine Verbindung mit Manu, Finn, Felix, Carola, Hannes, Astrid, Maren, Edna und Blaser.

In Simone Lapperts Welt macht man

– unbequeme Bänke, auf denen Obdachlose nicht schlafen können, weil man sie dort womöglich anzündet,

– Junge obdachlos, weil sie eine Zahnarztrechnung nicht bezahlen können,

– Drogenabgabestellen.

In dieser Welt

– bedrohen Männer Kinder und Frauen mit Gewehren und bringen sich schliesslich selbst um,

– haben Männer keine Beziehung zu ihren Kindern und leben im Park als Clochard,

– mobben Schülerinnen und Schüler einander über private Nacktbilder im Internet,

– herrscht Einsamkeit und das Ladensterben.

Aber die Autorin beschreibt auch eine Welt, wo Frauen die kühnen sind! Manu, Theres, Roswitha, Winnie zum Beispiel! Und wo Männer eher als verzweifelt und unzufrieden beschrieben werden: Finn, Werner, Hannes, Jaris, Egon, Henry, Ernesto.  Oder wo sie gar als Waschlappen/Verräter dargestellt werden: Hannes, Jaris, Timo.

In Anbetracht der vielen, auf mannigfaltige Weise miteinander verbundenen Protagonisten empfiehlt es sich, während der Lektüre ein paar Notizen zu machen oder das Buch wirklich in einem Zug durchzulesen.

Was mir im Roman sehr gut gefällt, ist die Wendung des Schicksals über die Überraschungseier. Vor allem, da man die Ladeninhaberin Theres zu Beginn fast bemitleidet für ihr morgendliches Überraschungseierritual und ihre kindische Sammelleidenschaft!

Manus Verzweiflung auf dem Dach hat ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die verschiedenen Protagonisten, bei den einen positive, bei den anderen negative. Es geht im Roman weniger um den Sprung selbst, als um die Änderungen im Leben aller Nicht-Springenden, die meistens eine lustlose, frustrierte und ernüchterte Existenz fristen.

Ein interessantes, gesellschaftskritisches, zeitweise witziges aber auch sehr zum Nachdenken anregendes Buch!

Simone Lappert, Der Sprung, Diogenes 2019, ISBN: 978-3-257-07074-3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.