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Über Baumwollblüten, Giacomettiblüemli und Gürtelrosen

Heute wurde ich zur Polizei in Zürich geführt … von Google Map! Denn verhaftet worden war ich natürlich nicht, zu melden oder zu verklagen hatte ich zum Glück auch nichts, keine einzige Anzeige wollte ich tätigen, aber den Ausweis musste ich doch für zehn Minuten abgeben. Auf diese Zeit war mein Aufenthalt von der Beamtin am Schalter beschränkt, um die atemberaubende Giacometti-«Blüemlihalle» zu bestaunen. Übrigens ganz allein und fern jeder Touristenflut. Was für eine Farbpracht im Keller dieses ehemaligen Waisenhauses! Leider durfte ich aus verständlichen Gründen des Copyrights keine Fotos davon machen, aber ich bitte meine werten Leserinnen und Leser, sich die entsprechende Webseite anzuschauen oder bei Google Bildern «Giacometti Blüemlihalle» einzugeben.

Obwohl die von 1922-1926 von Augusto Giacometti zusammen mit anderen Malern gestaltete Halle nur fünf Fussminuten vom Bahnhof entfernt ist, wusste ich, wie offenbar sogar manche Zürcher, nichts von diesem einzigartigen Kunstwerk. Einen Irrtum muss ich auch gleich eingestehen: Als ich den Namen Giacometti hörte und las, dachte ich sofort an die unverkennbaren spindeldürren Skulpturen und die Schweizer Hunderternote, auf der Alberto Giacometti jahrelang verewigt war. Ich fand es überraschend, dass die gleiche Person, die diese Skulpturen schuf, auch solche Fresken geschaffen hatte. Dies war aber falsch. Wikipedia klärte mich auf. Die Blüemlihalle stammt von Augusto Giacometti (1877-1947), dem Onkel von Alberto Giacometti (1901-1966). Womit wieder etwas für meine Allgemeinbildung getan wäre.

Wie auf dem Informationsblatt zu diesen Fresken im Amtshaus I nachzulesen ist, war nicht der Wunsch der Stadt nach bedeutender Kunst der Anlass, dieses Werk in Auftrag zu geben, sondern «der Wille, die prekäre wirtschaftliche Lage der einheimischen Künstler durch Arbeitsbeschaffung zu lindern». Ausserdem wollte man den düsteren Raum aufhellen. Laut Prospekt gilt die Giacometti-Halle «heute als bedeutendes Schweizer Kunstwerk des 20. Jahrhunderts und gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Zürichs». Und das Foyer ist «berühmt als der schönste Eingang zu einer Polizeiwache». Schauen Sie sich das verblüffende Werk doch das nächste Mal an, wenn Sie auf Ihren Zug warten müssen und die Wartezeit mit den Öffnungszeiten übereinstimmt (täglich 9-11 Uhr und 14-16 Uhr).

Eigentlich war ich aber nach Zürich gekommen, um mir das nicht gerade alltägliche Moulagenmuseum anzuschauen. Aus zeitlichen Gründen besuchte ich zuerst jedoch die sehr interessante Ausstellung «Les Indiennes» im Landesmuseum und nahm mir danach auch gleich noch die Giacometti-Halle vor, obwohl ich mir ursprünglich gedacht hatte, dass Giacomettis Farbenpracht wohl eine Erhohlung sein würde nach dem Anschauen der Moulagen. Es war dann aber nicht so unerträglich, wie befürchtet, die sehr naturtreu nachgebildeten Körperteile mit Hautkrankheiten aller Art unter die Lupe zu nehmen. Es war vor allem eindrücklich zu sehen, wie viele verschiedene dermatologischen Krankheitsbilder es gibt, inklusive Wirkungen von Senfgas, Antrax oder Parasiten, und wie echt die Nachbildungen aus Wachs wirken. Dass es eine wahre Kunst war, diese herzustellen, wird auch ersichtlich. Nur wenige Spezialistinnen und Spezialisten beherrschten die faszinierende, zuerst lange geheimgehaltene Technik, allen voran die aus Berlin stammende Lotte Volger (ab 1918) und der Kunstmaler Adolf Fleischmann. Die Moulagen wurden auf Anregung von Bruno Bloch, Professor für Haut- und Geschlechtskrankheiten für den Anschauungsunterricht in den Hörsälen der damals in Zürich neu gegründeten dermatologischen Klinik hergestellt und verwendet. Das Museum, das 600 der 2100 sich in seinem Besitz befindenden Wachsmodelle ausstellt, ist nur am Mittwoch- und am Samstagnachmittag geöffnet. Laut Prospekt gehören die Wachsmodelle «zu den am besten erhaltenen und naturgetreuesten Wachsmoulagen weltweit». Der Eintritt ist gratis.

Im Landesmuseum ist die Sonderausstellung «Les Indiennes» den prachtvollen bedruckten und bemalten Baumwollstoffen gewidmet, die im 16. Jahrhundert ursprünglich aus Indien nach Europa importiert wurden, weil die Inder die Drucktechnik auf Baumwolle am besten beherrschten und weil die Stoffe in Europa sehr beliebt waren. Kleider aus Baumwolle waren den Stoffen aus Leinen und Wolle in Bezug auf den Tragekomfort stark überlegen. Und sie waren billiger als Seidenstoffe. Später, im 17. Jahrhundert, aber imitierten die Europäer die Drucktechnik, stellten die Stoffe industriell her und machten den traditionell aus Indien importierten Stoffen grosse Konkurrenz. Im Gegensatz zu den anderen Ländern Europas wurde die Nachahmung der indischen Baumwolldrucktechnik in Frankreich lange verboten, um die Seidenstoffproduktion nicht zu gefährden. In der Schweiz boomte die Herstellung zuerst in Neuenburg und später in Glarus.

In Frankreich und in der Schweiz hergestellte Baumwolldruckstoffe wurden auch zu afrikanischen Fürstenhöfen exportiert und gegen Sklaven eingetauscht. Auch Schweizer Händler profitierten davon. Im 19. Jahrhundert war vor allem die Winterthurer Firma Volkhart stark im europäisch kontrollierten Welthandel tätig.

Die Ausstellung widmet über die Bilder des Schweizer Fotografen Walter Bosshart auch Gandhi ihre Aufmerksamkeit, rief er seine Landsleute doch auf, sich gegen die Abhängigkeit von den englischen Kolonialherren, die den ganzen indischen Baumwollhandel an sich gerissen hatten, aufzulehnen, indem jeder Inder selber täglich Baumwolle spann. Gandhi kaufte Tausende von Spinnrädern und brachte sie in die Dörfer. Das Spinnrad wurde zum Symbol für den friedlichen Widerstand. Bossart machte eindrückliche Bilder von Gandhi. Selber trug Gandhi bewusst nur ein schlichtes Baumwollgewand, weil sich das Volk so einfach mit ihm identifizieren konnte.

Auch die Basler Mission mit ihrem Kirchen- und Schulwesen wird in der Ausstellung thematisiert. Sie verschaffte den Indern vor Ort in ihren Werkstätten Arbeit, wenn sie sich bekehren liessen. Vor allem viele Inder der unteren Kasten liessen sich von der neuen Religion überzeugen.

Nach der Unabhängigkeit Indiens erlebte die Baumwollindustrie in Indien wieder einen Aufschwung, doch ab den 80er Jahren wurde sie allmählich von China überflügelt, vor allem auch, weil die Maschinen in Indien veraltet waren.

Fazit: Insgesamt war dies ein sehr vielseitiger Museumsnachmittag mit dem Bestaunen von „Blumen“ aller Art in Zürich. Zufälligerweise sagte übrigens eine Museumsbesucherin beim Anblick eines indischen Prachtstoffes hinter mir zu ihrer Begleiterin, sie hätte einmal einen indischen Stoff gekauft und von diesem eine Allergie bekommen, weil sie ihn zuvor nicht gewaschen hatte. Somit stellte sie für mich netterweise gleich die Verbindung zum Moulagenmuseum her, das mir in jenem Moment ja noch bevorstand.

Foto von madhuuri g, Pexels

Weiterführende interessante Artikel zum Moulagenmuseum und zum Beruf der Moulageuse findet man als Pdf-Links zum Herunterladen auf der Webseite des Museums.

5 based on 2 reviews

2 Comments

  1. liisa sagt:

    liebe Anja, ich stöbere durch das MoulagenMuseum erstmal gemütlich daheim, bevor ich mir die Sachen dann gerne vor Ort anschaue.
    Deine interessante Reportage hat mich auf den Geschmack gebracht.

  2. Michel Ebinger sagt:

    Danke für den informativen Text
    Michel Ebinger

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