Wenn Freiheit ein Fremdwort ist
23 November 2019

José

Nichts und niemand währt ewig, sagte sich Isabella wieder einmal und wischte sich eine Träne weg. Und doch sah der Frühling jedes Jahr so unbekümmert und fröhlich aus, wie wenn er das nicht wüsste. Es war schon Mitte April und in den Blumentöpfen auf ihrem Fenstersims regte sich etwas. Das hatte sie eben gesehen: Ihre zwei letzten teuren Samen, die ihr nach all den Jahren noch blieben – alle anderen hatte sie zu einem umwerfenden Preis verkaufen können –, hatten angefangen zu keimen. Das freute sie einerseits, wie jedes Jahr, aber andererseits wusste sie immer noch nicht, wie sie die Pflänzlinge später auf dem englischen Rasen des Altersheimparks setzen und sie dort pflegen würde. Sie würde nicht nur Hilfe brauchen, sondern bestimmt auch eine Bewilligung.

Diese Gedanken verdarben ihr den Frühlingsmorgen, aber es kam auch sonst hie und da vor, in ihrem hohen Alter, dass ihre Laune kippte. Sie war nämlich 99 Jahre alt, im Kopf noch ziemlich klar, aber auf den Beinen ziemlich schwach. Ohne Rollator schaffte sie es nicht einmal mehr, sich in ihrem kleinen Zimmer im Altersheim zu bewegen, und von einem Ausflug in ihren eigenen prächtigen Garten konnte sie nur noch träumen. Ihr Haus war seit ihrem Eintritt samt Umschwung verkauft worden, und mit dem Erlös wurde ihr Aufenthalt im Heim finanziert. Aber immerhin, sie war seit ihrem Eintritt in dieses Haus vor knapp einem Jahr noch nicht auf der anderen Abteilung gelandet, auf der Pflegeabteilung. Sie hatte auch nicht die geringste Lust, ihr Zimmer zu wechseln. Es war ja nicht sicher, dass sie auf der anderen Station, wo die Pflegefälle waren, ihr Zimmer genau gleich gestalten konnte, wie sie es liebte. In der anderen Abteilung gab es nämlich keine Einzelzimmer. Hier aber hatte sie niemand davon abgehalten, sämtliche Wände mit den Artikeln und Fotos von José und ihr zu tapezieren. Die Angestellten des Heims hatten ihr dabei sogar bereitwillig und auch mit einer Spur Bewunderung geholfen. Es gab kaum noch ein freies Fleckchen, ausser um den Fensterrahmen herum, und genau das gefiel ihr.

José, flüsterte sie leise, und es schwang Liebe und Stolz in ihrer Stimme mit. José, der Name hatte so gut zu ihm gepasst, es lag eine Art Vollkommenheit in diesen zwei Silben, das fand sie auch heute noch. Sie strich über einen der leicht vergilbten Zeitungsartikel und schloss die Augen. Als er noch klein war, hatte sie ihn jeden Tag umarmt und gestreichelt. Später aber konnte sie es nicht mehr, er war eindeutig zu gross und zu dick geworden. Das aber hatte sie nie gestört an ihm, ganz im Gegenteil. Sie hatte sich enorm darüber gefreut, es war doch ein eindeutiger Beweis gewesen, dass sie besonders gut zu ihm geschaut und ihm immer genau die richtige Nahrung angeboten hatte. Isabella öffnete ihre Augen wieder und ging, gestützt auf ihren Rollator, zur gegenüberliegenden Wand. Dort hingen die beeindruckendsten Bilder von José und ihr: Er wog damals dreihundert Kilo und sie stand daneben, wie eine Mutter neben ihrem Kind, und hatte dabei ihren rechten Arm auf ihn gelegt. Sie lachte auf diesem Bild bis zu den Ohren. Es war ja auch der Tag der Preisverleihung und niemand anderer als sie hatte ihn gewonnen, den ersten Preis für ihren Riesenkürbis.

Dies ist die erste von 53 Erzählungen aus dem Buch „Tuttifrutti – Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack“ von Anja Siouda. Der Erzählband ist kürzlich in einer Neuauflage als Buch und Ebook bei BoD erschienen. Die 53 Erzählungen sind unterteilt in zwölf Passionsfrüchte, zehn Zankäpfel, dreizehn Maulbeeren, neun Knacknüsse und neun Kichererbsen.

Foto: Thanks to Edu Carvalho (Pexels) for this wonderful picture!

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