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„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Buch im Nacken!

Es gibt immer wieder Bücher, die bleiben einem nachhaltig in Erinnerung. Meistens wegen der packenden oder beeindruckenden Geschichte, die sie erzählen oder auch wegen dem besonderen Moment im Leben, in dem man sie gelesen hat. Neuerdings wird mir aber ein Buch sozusagen physisch in unvergesslicher Erinnerung bleiben, weil ich es über die Neujahrstage 2020 gelesen und mir dabei eine wirklich schmerzhafte Nackenstarre geholt habe. Ein bisschen lag es wohl auch an meinem Alter, bald zweiundfünfzig bin ich nun, aber vor allem lag es an meiner Stellung, im 90° Winkel mit dem Kopf am Kissen und an der Wand, im Bett liegend, war ich von diesem Buch so gepackt, dass ich gar nicht merkte, wie die Zeit verging und vor allem auch nicht einschlief, wie sonst immer nach den obligaten zehn Leseminuten.

Ich las und las also in Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“, von Ursel Allenstein aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt, und 2015 bei btb publiziert. Es ist der erste Teil von Lundes „literarischem Klima-Quartett“ (siehe Klappentext), der zweite Teil trägt den Titel „Die Geschichte des Wassers“, der dritte heisst „Die Letzten ihrer Art“ und der vierte ist noch nicht erschienen.

In 30 Ländern verkaufter Bestseller

Von diesem in 30 Ländern verkauften und in zahlreiche Sprachen übersetzten Bestseller hatte ich schon früher gehört und der Autorin Maja Lunde hatte ich bereits in der Sendung Sternstunde der Philosophie „Haben wir die Erde nur von unseren Kindern geborgt?“ vom 20.05.2018 mit grossem Interesse gelauscht.

Geschenkt hatte mir das tolle Buch übrigens eine meiner Leserinnen (Herzlichen Dank Sylvia Seeholzer-Cajacob!) bei meiner letzten Lesung, am Bücherjahr des ISSV in der Loge in Luzern. Von meinen Leserinnen über Literatur zu neuen Blogs inspiriert zu werden, ist mir natürlich eine besondere Freude und ein Vergnügen!

Vielschichtige, raffinierte Konstruktion

Das Geniale am Roman von Lundes vielschichtigem, faszinierenden Roman besteht in meinen Augen in der raffinierten Konstruktion über drei Zeitepochen hinweg, dem gewichtigen und uns alle betreffenden Thema des Bienensterbens und dem zeitlosen Thema konfliktbeladener Eltern-Kind-Beziehungen geprägt von zerstörerischen Erwartungshaltungen.

Als Autorin habe ich mich ständig gefragt, wie Lunde denn im Laufe des Romans die drei Erzählebenen miteinander verbinden würde, vom Thema der Bienen her waren sie es natürlich von Anfang an, auch vom Thema der familiären Beziehungen. Wo und wie aber würde sie der Leserschaft definitiv den Schlüssel reichen?

Verraten werde ich dies natürlich hier bewusst nicht, aber für mich hat dieses Hinauszögern die Spannung erhöht.

Drei Erzählstränge

Es gibt also drei Erzählstränge, die allesamt von Ich-Erzählern und im Laufe des Buches abwechselnd wiedergegeben werden:

Tao, Blütenbestäuberin, lebt 2098 mit ihrem Mann Kuan und ihrem dreijährigen Sohn Wei-Wen im Bezirk 242, Shirong, Sichuan.

William, Samenhändler und Biologe, lebt 1852 mit seiner Frau Thilda und seinen sieben Töchtern und dem Sohn Edmund in Maryville, Hertfordshire, England.

George, Bienenzüchter, lebt 2007 mit seiner Frau Emma und ihrem studierenen Sohn Tom, der sie gelegentlich besucht, in Autumn Hill, Ohio, USA.

Tao

Der Roman beginnt mit Tao: Ihr Leben als Blütenbestäuberin der Zukunft wird erschreckend dargestellt, es gibt nur harte Arbeit, ständige Kontrolle, zu wenig zu essen und Kinder dürfen kaum zur Schule gehen, da sie mit acht Jahren bereits zum Bestäuben eingespannt werden. Bienen fürs Bestäuben gibt es längst keine mehr. Alles, was nicht mit der Beschaffung von Nahrung zu tun hat, ist 2098 zweitrangig geworden. Die Menschen, die nach dem „Kollaps“ (S. 8) noch auf der Erde sind, kämpfen ums Überleben. Betagte und kranke Menschen wie die Mutter von Tao werden von den Behörden irgendwohin abgeschoben, bis sie sterben.

Diese ersten Beschreibungen verleihen dem nach Science-Fiction klingenden ersten Teil etwas Beklemmendes, wissen wir doch alle, wie gross das Bienensterben in den letzten Jahren war und heute noch ist. Und wie rasant die Biodiversität allgemein und global Schaden nimmt. Wir blicken in diesem ersten Teil lange in eine rabenschwarze Zukunft, die uns Maja Lunde virtuos ausmalt.

Tao scheint gut mit ihrem Mann Kuan auszukommen. Nur wenn sie ihren Eifer, ihren kleinen Sohn Wei-Wen durch frühkindliche Pädagogik zu fördern, nicht bezähmen kann, eckt sie mit Kuan an. So beharrt sie darauf, am einzigen freien Tag, der von den Behörden nach langer Zeit für die Erholung der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wird, mit dem Jungen in die Natur in der Nähe vom Wald zu gehen, um mit ihm zu spielen und gleichzeitig zu lernen, statt wie alle anderen in die Stadt zu gehen, wo diverse Unterhaltungsmöglichkeiten angeboten werden. Während ihres bescheidenen Picknicks verschwindet Wei-Wen plötzlich und bleibt unauffindbar, bis Kuan ihn leblos entdeckt und mit ihm und Tao in die Stadt zurückrennt. In einem Krankenwagen verschwindet der Junge schliesslich und taucht nicht mehr auf. Die Eltern Tao und Kuan werden danach von den Ärzten völlig im Ungewissen gelassen. Ihr Sohn werde von Spezialisten untersucht und sei nach Peking gebracht worden, erklärt man ihnen nach einer Weile. Was aber mit dem Kind am Waldrand passiert ist, weiss niemand. Eine streng überwachte Sperrzone wird am Unfallort errichtet und in ihrer Verzweiflung fährt Tao nach Peking, um nach Wei-Wen zu suchen, wobei sie bald auch um ihr eigenes Leben fürchten muss …

William

William liegt seit Wochen depressiv im Bett und lässt sich völlig gehen. Seine Familie vernachlässigt er vollends und nur zwei seiner Kinder, die sich bei ihm blicken lassen, können ihn etwas aus seinem psychischen Loch herausholen. Charlotte und Edmund. William ist in diesem Zustand, weil er es in den Augen seines Vorbilds Professor Rahm zu nichts gebracht hat, ausser eine grosse Anzahl Mäuler auf die Welt zu stellen. Tatsächlich hat er sich statt seiner wissenschaftlichen Forschung dem Betrieb seines Samenhandelladens und seiner Familie gewidmet. Er leidet auch an einem Trauma in seiner Jugendzeit, wobei er seinen eigenen Vater masslos enttäuscht hat. Seither lechzt er nach Anerkennung, sei’s von seinem Vorbild Professor Rahm, sei’s von seinem eigenen Sohn Edmund. Edmund vor allem soll stolz auf ihn, den Vater, sein. Das Buch von François Huber New Observations on the Natural History of Bees (1806), das William nach einem Besuch Edmunds in seinem Zimmer findet, schafft es schliesslich, eine neue Leidenschaft hervorzubringen und William für das Studium der Bienen zu begeistern. Huber hatte einen neuen Bienenstock entwickelt, die Blätterbeute, die es ermöglichte, den Honig leichter (und ohne den Bienen zu schaden) zu gewinnen. William nimmt sich vor, den Bienenstock von Huber weiterzuentwickeln. Seine Tochter Charlotte interessiert sich ebenfalls lebhaft für sein neues Forschungsthema. Trotz neuer Begeisterung muss William aber eine äusserst bittere Enttäuschung erleben, sowohl in Bezug auf seine neue Leidenschaft, wie auch in Bezug auf seinen 16-jährigen Sohn Edmund, der im wahrsten Sinne des Wortes in eine Bahn schlittert, die denkwürdige Folgen haben wird.

George

George ist schwer beschäftig mit der Bienenzucht und der Imkerei. Sein Sohn Tom soll eines Tages in seine Fussstapfen treten, soll weiterführen, was schon Georges Vater, Grossvater und Urgrossvater gemacht haben. Tom aber ist auf dem College zum Vegetarier geworden und glaubt eher an sein Talent fürs Schreiben, das ihm am College attestiert wird, als an die Weiterführung der Imkerei. Georges Frau Emma hat die nähere Beziehung zu ihrem grossen Sohn, ist einfühlsamer und zeigt Verständnis für seine Berufswünsche. Sie selber hängt weniger an der Bienenzucht. Aufs Alter hin möchte sie lieber alles verkaufen und wegziehen zu Freunden, die ihr Glück am Meer gefunden haben. George aber ist damit gar nicht einverstanden und baut weiter an seinen Beuten, die er schon seit Generationen von Hand herstellt. Eines Tages ist er mit dem Colony Collapse Disorder der Bienen konfrontiert, seine Existenz ist bedroht, aber er will vorerst nicht aufgeben. Sohn Tom hilft ihm während seiner Semesterferien und möchte gerne einen Artikel über das Bienensterben schreiben. George bleibt skeptisch, freut sich aber über seine Hilfe. Später jedoch holt ihn die Verzweiflung ein …

Erst fast am Ende des Romans versteht man übrigens, inwiefern Williams Sohn Edmund (dank der Umsicht und Selbständigkeit seiner intelligenten Schwester Charlotte) indirekt und wider aller Erwartungen doch noch zu Williams Ruhm und zur Weiterverbreitung der Leidenschaft für die Bienenzucht beigetragen hat.

Auf der letzten Seite legt die Autorin ihrer Protagonistin Tao diesen denkwürdigen Satz in den Mund: „Das Leben eines einzelnen Menschen […] seine […] Gedanken, Ängste und Träume bedeuteten nichts. Auch die Träume, die ich für ihn [Wei-Wen] gehabt hatte, bedeuteten nichts, solange ich sie nicht in einen Zusammenhang brachte und erkannte, dass dieselben Träume für uns alle gelten mussten.“ (S. 507–508)

Bienenvolk als Bild für das Menschenvolk

Tatsächlich steht das Bienenvolk natürlich auch als Bild für das Menschenvolk. Denn solange sich die Menschheit im Gegensatz zu den Bienen, die immer schon nur als Volk harmonisch existierten, in lauter Individualisten aufsplittert, die alle ihren Eigeninteressen nachgehen, wird es unserem Planeten und uns nicht bessergehen. Im Gegenteil.

Von „More than honey“ inspiriert

Im Laufe des Romans erfährt man sehr viel Interessantes über Bienenzucht. Man spürt, dass Lunde enorm viel recherchiert hat. In der Sternstunde der Philosophie sagt sie übrigens, dass es der beeindruckende Dokumentarfilm „More than honey“ des Schweizer Filmemachers Markus Imhof war, der sie darauf gebracht hat, diesen Roman zu schreiben. 

Traum vom eigenen Bienenstock

Als ich das Buch niederlegte, träumte ich gleich selber vom eigenen Bienenstock, aber ich bin schon realistisch genug, diesen Traum einen Traum sein zu lassen, denn unser naturbelassener Garten ist viel zu nah bei den Nachbarhäusern und zudem habe ich einen enormen Respekt vor Bienenstichen. Aber ein neues Wildbienenhaus werde ich bestimmt anschaffen.

Nach der Lektüre fuhr ich übrigens eine Stunde mit dem Velo durch die Campagne Genevoise, im schönsten Sonnenschein dieses noch unverbrauchten Jahres 2020, mit einem immer noch leicht steifen Nacken, legte mir im Kopf diesen Blog zurecht und entdeckte zum ersten Mal und zu meiner grossen Freude an sechs Orten meiner üblichen Velotour Bienenstöcke!

Foto oben: Thanks to Timothy Paule II (Pexels)

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1 Comment

  1. Monika Brewster sagt:

    Vielleicht eines meiner Lieblingsbücher. Die 3 -‚Generationen‘ – Zeitabschnitte ist gut gemacht. Ein wunderbares Buch, das man nie vergessen wird.

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