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Der Frosch

Es war einmal ein König, der hatte eine Krone auf dem Kopf und mehrere Exemplare davon im Mund. Und eine Tochter hatte er auch. Weil sie so verwöhnt war und am liebsten nur Bonbons und andere Süssigkeiten ass, mussten ihr schon im zarten Kindesalter alle Milchzähne gezogen werden. Natürlich bekam sie ein Luxusgebiss aus purem Gold, um ihre zahnlose Existenz bis zum Nachwachsen der zweiten Zähne zu überbrücken. Wenn sie jeweils den Mund öffnete, strahlten ihre Zähne so stark, dass der König eine Sonnenbrille aufsetzen musste, damit er sein verwöhntes Töchterchen überhaupt anschauen konnte. Am liebsten spielte die Tochter am Schlossbrunnen mit ihren Zahnbürsten. Sie hatte eine ganze Sammlung davon, die sie natürlich nie benutzte, weil sie lieber damit jonglierte. Ihre drei Lieblingsbürsten waren aus Gold, Silber und Bronze, und weil sie so handlich waren, eigneten sie sich besonders gut zum Jonglieren. Damit sie prüfen konnte, ob sie es schaffte, drei Minuten fehlerlos zu jonglieren, stellte sie jeweils ihre eiserne Sanduhr auf den Brunnenrand. Eines Tages, als sie wieder einmal fleissig jonglierte, fiel ihr die bronzene Zahnbürste in den tiefen Brunnen. Darüber war sie natürlich todunglücklich, denn mit zwei Zahnbürsten konnte sie unmöglich jonglieren. Weinend sass sie am Brunnenrand, als plötzlich ein grosser Frosch neben sie hüpfte. Er schaute sie mit seinen grossen Augen und dem zahnlosen Maul an und quakte:

«Kann ich dir helfen, schöner Goldmund?»

Die Prinzessin war sehr erstaunt, dass der Frosch sogar ohne Zähne verständlich sprechen konnte, und sie erzählte ihm ihr Unglück. Der Frosch anerbot sich, die Zahnbürste aus dem Brunnen heraufzuholen, aber nur unter der Bedingung, dass er sie dafür in ihr Schloss begleiten dürfe. Sie war einverstanden, und der Frosch holte die Zahnbürste herauf. Sie bedankte sich hastig und eilte zum Schloss, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Der Frosch folgte ihr, aber sie schlug ihm das Tor vor der Nase zu.

Am anderen Tag jonglierte sie wieder beim Brunnen und prompt fiel ihr die silberne Bürste hinein. Der Frosch kam wieder. Diesmal holte er sie unter der Bedingung herauf, dass er ihr beim Zähneputzen zuschauen dürfe. Aber kaum hatte die Prinzessin ihre Bürste wieder, eilte sie zum Schloss und knallte das Tor zu.

Am dritten Tag verlor die Prinzessin die goldene Bürste, und auch diesmal hüpfte der Frosch herbei. Seine Bedingung bestand darin, dass sie ihm danach ihr goldenes Gebiss leihen müsse. Die Prinzessin versicherte ihm, sie würde ihr Versprechen diesmal ganz bestimmt einhalten, aber kaum hatte sie die Bürste, rannte sie schnell zum Schloss zurück. Jetzt aber liess der Frosch nicht locker. Er folgte ihr in einigem Abstand und schlug die eiserne Sanduhr, die die Prinzessin diesmal in der Eile vergessen hatte, mit einer solchen Wucht an das goldene Schlosstor, dass es im ganzen Schloss nur so dröhnte und der König höchstpersönlich am Tor erschien. Dort entdeckte er den Frosch, der ihm von den Versprechen seiner Tochter erzählte. Der König wurde böse und befahl seiner Tochter, ihre Versprechen sofort einzulösen. Der Frosch setzte sich also zur Prinzessin an den Tisch und wartete, bis sie fertiggegessen hatte und sich eine Tube Zahnpasta, ein Glas Wasser, Zahnseide, Dentalsticks und die goldene Zahnbürste bringen liess. Dann schaute er ihr interessiert und leise lächelnd zu, wie sie ihr goldenes Gebiss aus dem Mund nahm und es auf Hochglanz putzte. Als die Prinzessin endlich damit fertig war, angelte sich der Frosch das glänzende Gebiss mit seiner klebrigen Zunge und setzte es sich ins Maul. Es passte ihm wie angegossen, sogar ohne Haftcreme. Kaum war dies geschehen, wuchsen der Prinzessin auf einmal die zweiten Zähne nach. Sie waren zwar wunderschön weiss, wie wenn sie soeben gebleacht worden wären, aber einige hatten Haare drauf und ausserdem kamen alle gleichzeitig und in alle Himmelsrichtungen. Die Zahnstellung war so furchtbar, dass die Prinzessin nicht einmal mehr den Mund schliessen konnte.

Der Frosch verspeiste indessen mehrere Gänge, wobei er kräftig zubiss, hörbar kaute und zwischendurch freudig mit den Zähnen klapperte. Nun wollte er auch noch einen Kuss von der Prinzessin mit den strahlend weissen Zähnen, aber das lehnte sie ab, obwohl ihr sogar die Weisheitszähne gewachsen waren. Als er trotzdem ganz nah zu ihr hüpfte, ergriff sie ihn schaudernd und schmiss ihn mit aller Kraft an die Wand. Es gab einen furchtbaren Knall, als das Gebiss aus schwerem Gold an der Wand aufschlug und die goldenen Zähne nur so herumspickten, aber da verwandelte sich der Frosch in einen blendend aussehenden jungen Mann in weissem Gewand, eleganten Latexhandschuhen und mit strahlendem Lächeln. Der Speisesaal, in dem sie sich befanden, verwandelte sich in eine ultramoderne Zahnarztpraxis mit allen Schikanen. Der König und die Prinzessin brachten vor Erstaunen den Mund nicht mehr zu, aber das kam dem jungen Mann gerade recht. Endlich konnte er als Zahnarzt wieder seinem Beruf nachgehen, den er seit Jahren nicht mehr hatte ausüben können. Im Jahre 2007 war er nämlich von einer esoterisch angehauchten Patientin, die er während einer Wurzelbehandlung freundlich auf ihren Mundgeruch aufmerksam gemacht hatte, verwünscht und in einen zahnlosen Frosch verwandelt worden. Seither hatte er auf den Tag gewartet, an dem er von seiner zahnlosen Existenz befreit und in seine frühere Gestalt zurückkehren würde. Er beugte sich über die Prinzessin mit der haarsträubenden Zahnstellung, die nun auf einem Behandlungsstuhl sass wie ihr Vater, gab ihr ohne Vorwarnung eine Spritze, riss einige Zähne und in kluger Voraussicht alle auf den übrigen Zähnen frisch gesprossenen Haare aus und verpasste ihr eine High-Tech-Spange. Dann wandte er sich zum König, der immer noch mit offenem Mund verharrte, und bat ihn um die Hand seiner Tochter, die ihm nicht nur als Frau, sondern auch als zukünftige Dentalhygienikerin gelegen käme, da es ihm schon immer an einer Praxishilfe gemangelt hätte und seine Tochter so endlich lernen würde, wie wichtig regelmässiges Zähneputzen sei. Der König konnte mit seinem offenen Mund nur «Aaaa» artikulieren, was der junge Zahnarzt als deutliches «Jaaaaa» interpretierte. Da das Küssen auf den Mund wegen der Spange nun nicht gut möglich war, hauchte der junge Zahnarzt der erstaunten Prinzessin einen Kuss auf die Wange, griff zum Handy und informierte seine Mutter über seine Rückkehr und die baldige Hochzeit.

In wenigen Tagen war die Hochzeit organisiert. Die Prinzessin genierte sich zwar wegen ihrer Spange, aber der Zahnarzt versicherte ihr, die in der Zeitung publizierten Hochzeitsfotos mit ihrem reizenden Lächeln mit Metallvorbau seien die beste Werbung für seine Praxis und somit für ihre zukünftige, gemeinsame Existenz. Sie bekamen viele Kinder, denen sie immer wieder erzählen mussten, wie schicksalhaft ihre Begegnung gewesen war, und mit der Zeit sprach sich ihre Story sogar in sämtlichen Zahnarztkreisen herum, weshalb manche Zahnärzte auch noch heute Glasvitrinen mit Froschsammlungen in ihren Praxen aufstellen. Copyright Anja Siouda

Dies ist eine von 53 Erzählungen aus dem Buch Tuttifrutti – Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack von Anja Siouda. Der Erzählband erschien erstmals 2016 beim Verlag Pro Libro in Luzern, 2019 dann in einer Neuauflage als Buch und Ebook bei BoD. Die 53 Erzählungen sind unterteilt in zwölf Passionsfrüchte, zehn Zankäpfel, dreizehn Maulbeeren, neun Knacknüsse und neun Kichererbsen.

Photo de Enis Yavuz provenant de Pexels

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