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Corona: Wunde und Wende

Zu Corona habe ich selber bisher weder einen Artikel noch einen Roman geschrieben, weil ich mir dachte, dass wahrscheinlich sehr viele andere Menschen intelligente Texte darüber verfassen würden und auch weil ich persönlich zum Glück weder gesundheitlich noch finanziell darunter zu leiden hatte, obwohl ich mich auch an die neuen Gegebenheiten gewöhnen musste. In gewisser Hinsicht gebührte es mir nicht, darüber zu schreiben, da mein Alltag sich in der ganzen Zeit wirklich nur geringfügig (und keineswegs existentiell) verändert hat.

Ich finde es aber begrüssenswert, dass die Autorin und Herausgeberin Nelia Schmid König zwölf Personen mit sehr unterschiedlichem beruflichen Hintergrund dazu ermuntert hat, ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Gedanken zum Lockdown und seinen Auswirkungen im vergangenen Frühling zu Papier zu bringen und diese in einem kleinen Sammelwerk mit dem einprägsamen Titel «Corona: Wunde und Wende» in kurzer Zeit zu publizieren. Die Alliteration Wunde und Wende fasst nicht nur das Erleben der Co-Autoren bestens zusammen, sondern sie umschreibt das Geschehen rund um die Pandemie allgemein sehr gut.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil schreibt die Psychotherapeutin Nelia Schmid König ausführlich über die Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft in Deutschland und im zweiten Teil kommen fünf Kunstschaffende, ein Gesellschaftskritiker, zwei Wirtschaftsvertreter, eine paralympische Weltmeisterin, ein Kunstlehrer, ein Kinderarzt und ein Politiker zu Wort.

Da ich Nelia Schmid König nicht über ihre Elternratgeber kenne, bin ich mir nach der Lektüre des ersten Teils über ihre Fachgebiete im Klaren. Natürlich ist das Buch auch eine Tribüne für die Herausgeberin, da ihre Ausführungen einen Drittel des Buchs einnehmen. Ihre Schwerpunkte sind die Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Lehrpersonen, sowie Paarbeziehungen. Sie führt konkrete Beispiele der Auswirkungen des Lockdowns auf ihre Patienten an, mit denen sie in jener Zeit Therapie-Sitzungen per Videokonferenz abhielt.

Ihre Kritik am deutschen Bildungssystem ist besonders heftig. So schreibt die gebürtige Schweizerin Seite 28: «Kaum einer meiner Patienten hat in dieser Coronazeit die Schule vermisst.». Regelrechter Schulhass sei weit verbreitet. Sie plädiert für die Abschaffung des Beamtenstatus im Lehramt, für fächerübergreifenden Unterricht und für den Ausstieg aus dem Pisa-Ranking, das nur hirnloses Training für ursprünglich kreative Kinderköpfe verursache (vgl. dazu S. 40).

In Bezug auf die Familie rät die Autorin, dass Frauen ihre «Bemutterung dem Mann gegenüber» (S. 19) endlich einstellen sollen, wenn es um soziale Belange geht. Gerade falls im Herbst mehr Frauen ihren Kurzarbeitstatus verlieren und arbeitslos werden, sollen sie sich nicht mit der traditionellen Rolle des Heimchens am Herd begnügen. Es brauche eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach Corona! Auch die Männer sollen sich nicht auf Familienferne und Inkompetenz reduzieren lassen, betont die Autorin.

Eine besondere Passage, der ich selber absolut beipflichte und die eigentlich nicht direkt mit Corona zu tun hat, die es aber verdient, hervorgehoben zu werden, ist folgende: «Sexualität ist, wie ich in einem anderen Buch gesagt habe, das schönste Spiel unter Erwachsenen. Gratis, gut für das Immunsystem, Kitt für die Beziehung. Es gibt keinen besseren Kitt. Dieser Kitt schafft etwas, was jeder Beziehung und jeder Ehe gut tut: Er schafft Versöhnlichkeit und erhöht die Belastbarkeit und Resilienz in der Partnerschaft.» (S. 10)

Diese Passage lässt mich vermuten, dass die Autorin auch andere Bücher geschrieben hat, die mich interessieren könnten.

Wie schwierig der Umgang mit Corona für die Kulturschaffenden ist, bringen der Schauspieler Stefan Hunstein sowie der Cellist Jost.-H. Hecker und die Filmschaffende Mira Gittner besonders eindrücklich und detailliert zum Ausdruck. Der Schauspieler beklagt die Absenz des Publikums, die Nicht-Begegnung mit der Öffentlichkeit, die den Künstler um seine Kreativität bringen. Er wehrt sich leidenschaftlich dagegen, dass Kunst für die Gesellschaft nicht systemrelevant sei und dass man im Corona-Datenstrom einen fatal unkritischen Umgang mit den Medien betreibt. «Der Sound ist schlecht, das Bild nicht gestaltet, die Technik oft wackelig.» (S. 43) Die Filmschaffende lehnt sich gegen die Hygieneregeln auf, die von jetzt an das Set bestimmen und beschreibt ausführlich ein Film-Experiment, das sie mit den neuen Regeln durchgeführt hat. Doch für sie ist klar: «Filme ohne menschliche Nähe sind ein Desaster.» (S. 61) Reinigungs- und Desinfizierungsvorschriften kann sie einhalten, aber die Kontaktlosigkeit nicht. Dem Musiker fehlt das gemeinsame Gestalten in einer kleinen Gruppe, die Erleichterung und die Ablenkung in der musikalischen Arbeit mit anderen. Er bedauert zudem, dass es keine Lobby gibt wie im Gastgewerbe, denn das Öffnen der Restaurants stellt für ihn einen Widerspruch zur Schliessung von Konzerträumen dar, die doch eine weitaus grössere Deckenhöhe haben.

Die Clownin Gabriele Maier schreibt über den Schock, den sie erlitt, weil sie von einem Tag auf den andern nicht mehr als Clowness Lili auf der Kinderonkologie und im Seniorenheim auftreten durfte und wie sie sich mit dem Schreiben von Gedichten an eine Freundin über die Isolierung hinweghalf.

Die Bildhauerin Vero Kallen spricht über den auch ausserhalb von Corona-Zeiten unsicheren finanziellen Alltag von Künstlern, die oftmals durch die Freude an der Tätigkeit die Kraft zum Weitermachen finden. Wegen des Lockdowns bestehen die Begegnungsorte, die die Seele des Künstlers nähren, nicht mehr. Der kritische Blick der Kunst auf die Gesellschaft finde nicht mehr öffentlich statt (vgl. dazu S. 59).

Hannes Reiser lebt in Basel in einer Lebensgemeinschaft, die ein internationales Netzwerk von Gemeinschaften darstellt (Longo Mai), das verschiedene Kulturen miteinander in Einklang bringen will.  Er übt ausführlich Gesellschaftskritik und betont, dass wir in Europa seit vielen Jahren gewohnt sind, von Hunger, Seuchen und Krieg verschont zu sein. Er kommt auf die ausserordentlichen Massnahmen des Schweizer Bundesrats zurück und stellt fest, dass «im ganzen Land darauf eine Art von solidarischem Waffenstillstand» herrschte. «Keiner bekämpfte politisch mehr den Anderen.»  (S. 76) Auch in der Gemeinschaft unterstützen sie sich gegenseitig sozial. Mit Genugtuung stellt er fest, dass die grosse Mehrheit der Menschen in einer solchen Krise dem Prinzip der kollektiven Solidarität den Vorzug gibt (S. 78), obwohl diese Massnahmen für zu viele Menschen sozial und wirtschaftlich schmerzhafte Konsequenzen haben. (vgl. dazu S. 78) Doch nicht der Virus ist daran schuld, sondern unser weltweites Wirtschaftssystem. «Ohne weltweite Menschlichkeit und ohne weltweite Gerechtigkeit werden wir auf diesem gemeinsam bewohnten Planeten weitere Belastungen wie diese Pandemiekrise nicht meistern.» (S. 81)

Der Unternehmensberater Emilio Gall Zugaro wird mir mit seinem Gedankenspiel, dass wir jetzt in eine neue Zeitrechnung rutschen, besonders in Erinnerung bleiben. Wir könnten uns nun im Jahr Null befinden, was vorher war ist a. C. (ante Corona) und was danach kommt, ist p. C. (post Corona). Die Umwälzung, der wir gerade beiwohnen, könnte nicht prägnanter beschrieben werden. Er führt noch einen anderen anschaulichen Vergleich an: «Die Auswirkungen des Coronavirus Covid-19 sind wie ein sich zurückziehendes Meer, das uns zeigt, wie es wirklich unter der Meeresoberfläche aussieht». (S. 84) Er sieht den kommenden Konjunktureinbruch, den Kampf ums Überleben von ganzen Branchen. Die Unternehmenswelt steht an einer Wende.

Der Manager Markus Wild beschreibt den Einfluss der Krise auf die Lebensmittelfirma, für die er noch im Januar in China gewesen war. Der Lebensmittelbetrieb, der Früchte und Gemüse zu Tiefkühlprodukten verarbeitete, musste den Betrieb aufrechterhalten, ohne die Mitarbeiter zu gefährden. Die Lieferanfragen aus dem Lebensmittelhandel verdoppelten sich, das Telefon lief heiss. Die Umstellung auf die neuen Sicherheitsmassnahmen war komplex. Er beneidete die Personen, die in entglobalisierten Wochen füreinander Zeit hatten. Seine eigene Frau war in Deutschland und er konnte sie wochenlang nicht sehen.  Er reflektiert aber auch darüber, wie «die Schere zwischen Arm und Reich» brutal auseinanderklafft (S. 97) und wie Ökonomie, Ökologie und Soziales ins Gleichgewicht gebracht werden können. Auch das bedingungslose Grundeinkommen wäre ein Lösungsansatz.

Die sehbehinderte paralympische Biathlonweltmeisterin Clara Klug legt anschaulich dar, wie die Corona-Sicherheitsmassnahmen nicht nur ihre sportlichen Ziele eine Weile komplett lahmlegen, sondern auch ihren Alltag extrem erschweren.

Der Kunstlehrer Stefan Würfel stellt die berechtigte Frage, was es denn heisst, wenn Schule wochenlang ohne Präsenzunterricht möglich ist. Was für ein Schulsystem ist das? Da die Schule den einzelnen Schüler nicht braucht, stellt es eigentlich eine grosse Demütigung dar, diese überhaupt täglich zu besuchen. (vgl. dazu S. 105) Er bringt dazu den interessanten Vorschlag, dass man Situationen schaffen muss, in denen die Schüler aus eigener Entscheidung zurück in die Schule gehen können, etwa indem sie nach der neunten oder zehnten Klasse über ein Jahr verfügen, wo sie ausserhalb der Schule in Pflege, Handwerk oder Erziehung arbeiten. (Vgl. dazu S. 107)

Der Kinderarzt Lambert Maier berichtet aus dem Alltag in seiner Praxis während des Lockdowns und hebt hervor, dass man sich noch auf Jahre hinaus mit aus Corona entstandenen ängstlichen Verhaltensweisen und Zwängen bei Kindern wird beschäftigen müssen.

Der grüne Bürgermeister Markus Reichart weist im privaten Bereich auf die positiven Aspekte der vergangenen Monate hin: So hatten er, seine Frau und ihr vierzehnjähriger Sohn mehr Zeit füreinander, was zu vertrauterem familiärem Miteinander führte und zudem realisierte er, dass Homeschooling für die junge Generation schnell selbstverständlich wurde. Seine Frau gründete zudem während der Krise ein neues Unternehmen, da in ihrem angestammten Beruf die Aufträge ausblieben. Beruflich musste er auf Videokonferenzen umstellen und erleben, wie Mitbürger nicht wie üblich von ihren Verstorbenen Abschied nehmen konnten. Er konnte auch feststellen, dass das Interesse an regional erzeugten Produkten gestiegen war. Er appelliert auch an die Solidarität gegenüber Partnerkommunen im globalen Süden, wie z.B. die Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon. 

Die sehr persönlichen und auch sehr unterschiedlichen Texte aller zwölf Co-Autoren geben einen konkreten Einblick in ihr Erleben, ihre Gedanken, ihre Frustrationen und ihre Hoffnungen. Im Nachwort stellt Nelia Schmid König fest, dass sich alle Co-Autoren in Folgendem einig sind: «Eine möglichst schnelle Rückkehr zu Vor-Corona-Niveau wäre fatal und eine verschenkte Chance. Nicht Restauration, sondern echte Reformen sind das Gebot der Stunde.» (S. 123)

Zudem glauben alle Autoren daran, «dass sie nicht hilf- und wirkungslos sind, dass sie – trotz einer sie persönlich teilweise schwer gebeutelten Corona-Krise – weitergehen werden und innovativ bleiben wollen. Die Corona-Pandemie hat auch sie teilweise geschädigt, doch nicht gebrochen.» (S. 123)

Bleibt zu hoffen, dass die Menschheit die Corona-Pandemie bald in den Griff kriegt. Im Moment, wo wir uns in der zweiten Welle befinden, sieht es leider nicht danach aus.

Da die Kunstschaffenden finanziell am meisten zu leiden hatten und immer noch haben, werden die mit dem Buch erzielten Einnahmen ihnen zugutekommen, wie am Ende des Buches nachzulesen ist.

Zu meinem Bedauern lässt das Layout des 125-seitigen Buchs zu wünschen übrig. Verschobene Zahlen beim Inhaltsverzeichnis, falsche Leerstellen, unregelmässiger Fettdruck bei den Untertiteln, unregelmässige Zeilenabstände bei den Beiträgen usw. Der Lesbarkeit tun sie keinen Abbruch, aber das Buch wirkt dadurch ziemlich handgestrickt, trotz der Qualität der Beiträge. Selbst wenn die Zeit von der Idee bis zur Realisierung des Werks knapp war, wären solche Fehler bestimmt vermeidbar gewesen. Hoffentlich werden sie in einer zweiten Auflage korrigiert.

Corona: Wunde und Wende – Dr. Nelia Schmid König (Hrsg.) – Juli 2020 ISBN: 978-3-00-066264-5

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