Jetzt neu mit Hör- und Leseprobe!

 

Bis anhin packte und berührte die Schriftstellerin Anja Siouda ihre Leserschaft mit ihren dramatischen interkulturellen Romanen. Mit diesem narrativen Tuttifrutti stellt sie nun auch ihr komisches Talent unter Beweis. Geistreich, phantasievoll und mit viel Wortwitz erzählt die Autorin in 53 Anekdoten und Geschichten aus ihrem Leben und ihrer Phantasie, überrascht den Leser immer wieder mit ganz ungeahnten Pointen und gibt dabei originelle Antworten auf Fragen wie: Wo gibt es Apfelwähenzärtlichkeit? Was sind Schlafzimmerdesserts und Wonneproppen? Wie war das mit dem Scheidungshuhn und mit dem Erklimmen der Schwarzwäldertorte? Wo begegnen uns Friedenstauben und Sündenböcke? Was erzählt ein Zyklop und was denkt der Staubsauger? Wie schmecken Froschaugen? Was steht im Erotik-Ordner? Warum rügt Gott Gabriel? Wo ist das Hühnerparadies? Gibt es Zahnteufelchen und gastfreundliche Zahnärzte? Isst ein Muslim Palatschinken? Wie waren Fifty Shades of Blue wirklich und wo spielt Gott Dame?

Dies und mehr in Tuttifrutti.

2016, ca. 240 S., broschiert, CHF 29.00
ISBN 978-3-905927-54-2

Berichtigung: In der Erzählung “Wacholder-Latwerge” in “Tuttifrutti-Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack” müsste S. 82 stehen, dass die Wacholder-Latwerge zwar ursprünglich aus dem Appenzell stammt, aber dass der Betrieb Eberle AG sich in Gossau SG befindet.

Hörprobe und Leseprobe (3 von 53 Erzählungen) COPYRIGHT PRO LIBRO

Die 53 Erzählungen sind inhaltlich aufgeteilt in: Passionsfrüchte, Zankäpfel, Maulbeeren, Knacknüsse, Kichererbsen

Passionsfrüchte

José

Nichts und niemand währt ewig, sagte sich Isabella wieder einmal und wischte sich eine Träne weg. Und doch sah der Frühling jedes Jahr so unbekümmert und fröhlich aus, wie wenn er das nicht wüsste. Es war schon Mitte April und in den Blumentöpfen auf ihrem Fenstersims regte sich etwas. Das hatte sie eben gesehen: Ihre zwei letzten teuren Samen, die ihr nach all den Jahren noch blieben – alle anderen hatte sie zu einem umwerfenden Preis verkaufen können – hatten angefangen zu keimen. Das freute sie einerseits, wie jedes Jahr, aber andrerseits wusste sie immer noch nicht, wie sie die Pflänzlinge später auf dem englischen Rasen des Altersheimparks setzen und sie dort pflegen würde. Sie würde nicht nur Hilfe brauchen, sondern bestimmt auch eine Bewilligung. Diese Gedanken verdarben ihr den Frühlingsmorgen, aber es kam auch sonst hie und da vor, in ihrem hohen Alter, dass ihre Laune kippte. Sie war nämlich 99 Jahre alt, im Kopf noch ziemlich klar, aber auf den Beinen ziemlich schwach. Ohne Rollator schaffte sie es nicht einmal mehr, sich in ihrem kleinen Zimmer im Altersheim zu bewegen und von einem Ausflug in ihren eigenen prächtigen Garten konnte sie nur noch träumen. Ihr Haus war seit ihrem Eintritt samt Umschwung verkauft worden und mit dem Erlös wurde ihr Aufenthalt im Heim finanziert. Aber immerhin, sie war seit ihrem Eintritt in dieses Haus vor knapp einem Jahr noch nicht auf der anderen Abteilung gelandet, auf der Pflegeabteilung. Sie hatte auch nicht die geringste Lust, ihr Zimmer zu wechseln. Es war ja nicht sicher, dass sie auf der anderen Station, wo die Pflegefälle waren, ihr Zimmer genau gleich gestalten konnte, wie sie es liebte. In der anderen Abteilung gab es nämlich keine Einzelzimmer. Hier aber hatte sie niemand davon abgehalten, sämtliche Wände mit den Artikeln und Fotos von José und ihr zu tapezieren. Die Angestellten des Heims hatten ihr dabei sogar bereitwillig und auch mit einer Spur Bewunderung geholfen. Es gab kaum noch ein freies Fleckchen, ausser um den Fensterrahmen herum und genau das gefiel ihr. José, flüsterte sie leise, und es schwang Liebe und Stolz in ihrer Stimme mit. José, der Name hatte so gut zu ihm gepasst, es lag eine Art Vollkommenheit in diesen zwei Silben, das fand sie auch heute noch. Sie strich über einen der leicht vergilbten Zeitungsartikel und schloss die Augen. Als er noch klein war, hatte sie ihn jeden Tag umarmt und gestreichelt. Später aber konnte sie es nicht mehr, er war eindeutig zu gross und zu dick geworden. Das aber hatte sie nie gestört an ihm, ganz im Gegenteil. Sie hatte sich enorm darüber gefreut, es war doch ein eindeutiger Beweis gewesen, dass sie besonders gut zu ihm geschaut und ihm immer genau die richtige Nahrung angeboten hatte. Isabella öffnete ihre Augen wieder und ging, gestützt auf ihren Rollator, zur gegenüberliegenden Wand. Dort waren die beeindruckendsten Bilder von José und ihr: Er wog damals 300 Kilo und sie stand daneben, wie eine Mutter neben ihrem Kind, und hatte dabei ihren rechten Arm auf ihn gelegt. Sie lachte auf diesem Bild bis zu den Ohren. Es war ja auch der Tag der Preisverleihung und niemand anderer als sie hatte ihn gewonnen, den ersten Preis für ihren Riesenkürbis.

Im Erotik-Ordner

Die originelle Idee fand Frau Aslan im Internet, genauer gesagt in einer Facebook-Gruppe. Jemand, der sich offiziell als Mann ausgab, hatte das Foto gepostet und sie schnappte sich das Bild inklusive Erklärungen sofort und speicherte es auf ihrem Desktop im Ordner „Erotisches“. Ihr Mann sollte es nämlich nicht sehen. Noch nicht. An ihren Computer ging er zwar sowieso nie, schliesslich hatten sie beide je einen eigenen. Es kam ihm auch nie in den Sinn, in ihren Dateien herumzuschnüffeln, das wusste sie. In ihrer Ehe herrschte Vertrauen. Trotzdem aber versorgte sie das Foto in einem Ordner, damit es nicht einfach auf dem Desktop herumlag, falls ihr Mann ihr gerade einmal den Nacken küssen käme, wenn sie vor dem Bildschirm sass. Schliesslich wollte sie ihn damit überraschen. Sie wollte bis zum Wochenanfang warten, bis er bei der Arbeit wäre, dann würde sie den Ordner erst wieder aufmachen, sich das Foto ganz im Detail anschauen, sich die verschiedenen Etappen schon mal plastisch vorstellen und alles Nötige besorgen. Es war eindeutig für Männer gedacht: Sie fanden es bestimmt sehr knusprig, was da auf dem Foto zu sehen war und  genau das wollte sie ihrem Gatten bieten. Vielleicht brauchte sie etwas Übung darin, sie würde es also schon einmal alleine ausprobieren und falls nötig noch ein Feedback bei einer Freundin einholen, bevor sie ihn damit überraschen würde. Eigentlich hatte sie ja abgesehen von drei Dingen  alles zuhause, was es dafür brauchte. Eines davon war der Honig. Dieser war sogar ein Aphrodisiakum, ohne Zweifel. Denn warum würden die Flitterwochen auf Englisch sonst Honeymoon und auf Französisch Lune de miel heissen?  Gleich zum Wochenbeginn besorgte sie also den Honig, eine extra teure Schweizer Biomarke. Das Hirschhornsalz fehlte ihr auch. Dessen Beschaffung war schon etwas komplizierter, denn nicht jede Apotheke führte es oder besorgte es ihr auf Bestellung. In Frankreich fand sie es schon gar nicht. Sie musste extra über die Grenze dafür und wurde bei ihrer Rückkehr zu ihrer Erleichterung nicht einmal von einem Zollhund beschnüffelt. Das eigentliche, traditionell aus den Geweihen der Hirsche hergestellte Hirschhornsalz gab es sowieso nicht mehr,  heutzutage benutzte man einfach Ammoniumcarbonat, aber natürlich hatte das weisse Pulver, das einem den Atem verschlug, den genau gleichen Effekt: Es sorgte für Volumen. Ob es wohl in Afrika und Asien auch Nashornsalz gab, fragte sie sich plötzlich und ob eigentlich ein Zusammenhang bestand zwischen der Bezeichnung „Gehörnter“ und den Aphrodisiaken aus Tierhörnern? Wahrscheinlich eher nicht. Überhaupt kam ihr bei der spöttischen Bezeichnung „Gehörnter“ eigentlich immer nur Moses mit seinen Gesetzestafeln in den Sinn, dem Michelangelo zwei mysteriöse Hörner aufgesetzt hatte. Sie hatte sie vor Jahrzehnten in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom auf einer Studienreise in Natura gesehen. Mit Untreue hatten diese zwar auch zu tun, aber in einem völlig unerotischen Sinne: Sie waren auf eine ungetreue Übersetzung einer Bibelstelle vom Hebräischen ins Lateinische zurückzuführen. Aus Strahlen wurden an dieser Textstelle Hörner und Michelangelo hatte die Vulgata natürlich wörtlich genommen. Frau Aslan musste über sich selber lachen, als sie merkte, wohin ihre Gedanken sie wieder einmal geführt hatten. Ihre Assoziationen waren oftmals genauso unberechenbar wie ein Facebook-Thread, das wusste sie inzwischen aus Erfahrung. Wenn sie dort auf ihrem Profil nämlich ein Stichwort, eine Bemerkung oder eine Alltagserkenntnis postete, kam sie sich manchmal vor, wie Goethes Zauberlehrling! Die Kommentarwelle ihrer Abonnenten war dann nicht mehr aufzuhalten. Sie rollte über ihr Profil hinweg wie ein Tsunami und schweifte in die unglaublichsten Themen ab. Manchmal blieb ihr nichts anderes mehr übrig, als ihr ganzes Statement inklusive ellenlangem Kommentarschwanz zu löschen, um die phantastische Flut der anderen einzudämmen. Ihre eigene Phantasie aber konnte sie natürlich nicht einfach per Mausklick abschalten. So beschloss sie, sich mit Konkreterem abzulenken, statt über die Etymologie von Gehörnten nachzudenken und suchte im Internet nach einem inspirierenden virtuellen Reizwäschekatalog und nach dem Gummi arabicum, das ihr auch noch fehlte. Von diesem getrockneten Akaziensaft bestellte sie gleich einen grösseren Vorrat, mehrere weisse, extrem solide Plastikbehälter mit einem massiven blauen Deckel, per Expresslieferung. Das Gummi arabicum war nämlich unerlässlich für den perfekten Glanz und für das leicht klebrige Feeling auf den Zähnen und im Mund. Zwei Tage vor dem Wochenende hatte Frau Aslan alles beisammen, denn Mehl, Butter, Eier, Zucker, eine spezielle Gewürzmischung und etwas Lebensmittelfarbstoff hatte sie immer im Haus und so begann sie beherzt mit dem Zubereiten der Masse. Eine Nacht lang musste diese im Kühlschrank ruhen, aber am folgenden Tag wallte Frau Aslan den Teig voller Elan fünf Millimeter dick aus und stach lauter Herzen aus, deren nach oben gekehrte Spitze sie fein säuberlich abschnitt. Die beiden höchst interessanten übrigbleibenden Rundungen waren zu ihrer Freude perfekt und hielten sich auch beim Backen. Noch heiss überpinselte Frau Aslan dann die etwa hundert nackten, braungebrannten Lebkuchenpopos mit im heissen Wasserbad aufgelöstem Gummi arabicum und kleidete sie, kaum waren sie ausgekühlt, mit den heissesten Tangas aus farbigem Zuckerguss.

Kichererbsen

Im Hühnerparadies

Vielleicht lag es daran, dass ich sie an einem Freitag dem Dreizehnten  kaufte. Vielleicht war das wirklich schon ein böses Vorzeichen, das ich völlig ignorierte, als ich wieder einmal voller Vorfreude mit meinem  blauen Katzenkorb, den ich auf dem Velo befestigt hatte, zum Markt in die Stadt fuhr. Sicher war ich mir ja nicht, ob der Händler wirklich wieder auf dem Markt sein würde. Es ging nämlich eine leichte Bise und es war ziemlich kalt trotz Sonnenschein. Vorerst stiess ich mein Velo an den verschiedenen Gemüse-, Früchte-, Fleisch-, Fisch- und Kleiderständen vorbei, aber ich sah es, in Reih und Glied, nur auf dem Grill der Chinesen und Araber, das Geflügel, das ich suchte  – die fleischliche Hülle sozusagen auf dem Höllenspiess und  die beflügelte Seele hoffentlich im Hühnerparadies. Ich stiess mein Velo also weiter bis an den Rand des Marktes und – Halleluja – da war er ja, der Geflügelhändler, der vor seinem Lieferwagen und unter dem aufgeklapptem Dach in kleinen Käfigen   Sussex-Hühner, Perlhühner, Junghähne, Laufenten, Zwergkaninchen und Türkentauben feilhielt. Die Perlhühner wirkten besonders kurios mit ihrem nackten schwarzen Hals und ihren bleichen rosa Kehllappen, die ihnen auf beiden Seiten des Schnabels herunterhingen wie kleine, aufgeblasene dreieckige Fleischkissen. Auch zwei weisse flaumige Zierhennen waren ausgestellt, und ich geriet ernsthaft in Versuchung, mir endlich einmal ein solches Huhn zu leisten. Etwas teuer waren sie zwar schon, dreimal so teuer wie die Sussex-Hühner, aber ich stellte mir jetzt schon das Gelächter meiner Söhne, meines Mannes und sämtlicher Nachbarn, Freunde und Bekannten vor, wenn sie so ein Geflügel in unserem Garten antreffen würden. Die Henne schaute einfach zum Wiehern aus und deshalb war es vielleicht ganz gut, dass sie selber ihre überzüchteten Kolleginnen und auch sonst womöglich überhaupt nichts sehen konnte. Die Augen waren unter dem weissen Federschopf nicht auszumachen und wahrscheinlich waren diese Zierhühner nicht nur nachts, wie alle Hühner, sondern auch tagsüber blind. Ich erkundigte mich nach der Eierleistung, aber der Händler stellte es gleich klar: Zierhühner seien tatsächlich zur Zier da, nicht fürs Eierlegen. Sei man auf Eier aus, lohne sich diese Rasse überhaupt nicht. So verwarf ich die Idee wieder. Zierhühner hatte ich seit einem halben Jahr im Grunde ja schon, nämlich meine zwei dreieinhalbjährigen Hennen, die nur noch hie und da ein Ei legten, dafür aber weiterhin sehr gefrässig waren und dank unseren Küchenabfällen und ihren täglichen Regenwurmorgien ein nie da gewesenes, stattliches Gewicht von mehr als vier Kilo erreicht hatten – das wusste ich, weil eine von ihnen, nämlich diejenige, die an den Hundstagen des vergangenen Sommers jeweils am meisten mit offenem Schnabel gehechelt hatte, äusserlich völlig unverletzt, eines nachts an einem Herzinfarkt gestorben war und am folgenden Morgen kalt und steif, aber mit noch erstaunlich weichen Fussballen neben den zwei anderen im geschlossenen Stall gelegen hatte. Diese eines natürlichen Todes Verstorbene hatte ich damals – leblos wie sie war – aus Neugier gewogen,  auf meiner Personenwage mit Fett- und Muskelmassenprozentsatzanzeige. Die mir seither verbliebenen zwei alten Damen verzierten aber unsere Betonterrasse und unseren Garteneingang auch im Duo regelmässig und völlig ungeniert  – ohne uns dafür wenigstens noch mit frischen Eiern zu entschädigen. Nein, ich wollte keine Zierhühner, entschloss ich auf dem Markt, sondern richtige, robuste, langlebige, fleissig eierlegende Sussex-Hühner! Ich wählte also ein Braunes aus, wobei der Händler es ein „Rotes“ nannte, und ein Schwarzes, dessen Gefieder am Rücken grünlichblau schimmerte. Der Händler steckte sie ohne Federlesens in meinen Katzenkorb und holte für den nun leeren Käfig, der auf dem nackten Asphalt stand, gleich wieder Nachschub aus einer der vielen flachen, orangenen Plastikharassen auf dem Lieferwagen, wo die ganze restliche Hühnerladung zusammengekauert ihres Schicksals harrte. Sie taten mir immer leid, diese zusammengepferchten Viecher und ich kam mir bei jedem Kauf, auch früher schon, immer vor wie ein rettender Engel, der einen Gefangenen freikauft. Bei mir sollten sie es nämlich schön haben und mein Garten sollte ein richtiges Hühnerparadies für sie sein! Artgerecht sollten sie auf 600 Quadratmetern nach Herzenslust herumflattern, scharren, grasen, sandbaden und mir zum Dank Eier legen – und eines schönen Tages natürlich auch sterben können. Ich hielt meine Hühner immer für Glückspilze und ich glaube, sie waren es jeweils auch bis mal wieder ein Fuchs oder ein streunender Hund eine nächtliche Runde drehte, wenn wir vergessen hatten, die Stalltür zu schliessen. Der Händler fragte mich, ob ich noch andere Hühner hätte, was ich bejahte. Ich solle sie dann am Abend alle mit dem gleichen Parfüm besprühen, damit sie alle den gleichen Geruch hätten und sich besser akzeptieren würden. Ich bedankte mich für den Tipp, denn ich wusste aus Erfahrung, dass es eigentlich sehr heikel, ja mörderisch war, neue Tiere in eine bereits bestehende Hühnerhierarchie zu integrieren. Aber ich hatte keine Wahl: Entweder die alten Hennen vertrugen sich mit den jungen Hühnchen oder – die ältere Generation musste der jüngeren Platz machen und ihr Leben lassen. Hühner hielt ich wie erwähnt als glückliche Nutztiere, nicht nur als Zierde. Die tägliche Portion der  Maiskörnermischung mit Muschelkalk war – im Gegensatz zu den Küchenabfällen und den Tellerchen voller Rosenkäfermaden, die ich manchmal haufenweise in meinen Blumentöpfen fand und den Hennen als exotischen Aperitif vorsetzte, (bevor ich wusste, dass diese Maden geschützt sind) – schliesslich auch nicht gratis. Ich fuhr also mit meinen zwei gefiederten Fräuleins durch die Stadt, allzu lange war mein Weg ja nicht und stellte sie dann im Korb ins Hühnergehege, nachdem ich die alten Hühner in den Garten gelassen hatte, wohin sie sonst erst ab Mittag durften. Völlig erstaunt über die verfrühte Freiheit zogen sie von dannen und kamen erst wieder, als die zwei jungen Hühnchen es nach leichtem Zögern gewagt hatten, aus dem Korb herauszukommen und sich von mir fotografieren zu lassen. Sie waren wirklich erstaunlich zutraulich, pickten sogar an meinen Schuhen herum und erkundeten nach einer Weile das Gehege. Die Körnermischung, die ich ihnen hinstreute, ignorierten sie völlig, aber das wusste ich auch aus Erfahrung, dass die Massenhaltungshühner mehrere Tage hungern und mit den Körnern wie mit Steinchen spielen, statt sie zu fressen – nur weil der Mensch sie an diesen grässlichen Industriebrei gewöhnt hat. Es regt mich jedes Mal auf, dass sie dermassen denaturiert sind, dass ich sie zuerst eine Weile mit eingeweichten Haferflocken bei der Stange halten muss. Die Präsenz von zwei alten Hühnerdamen, die alles Fressbare – inklusive Mäuse – gierig in sich hineinschlingen, war da natürlich ein unschätzbarer Vorteil, aber vorerst mussten die vier ein paar Tage durch das Drahtgeflecht des Geheges voneinander geschützt sein. Ich liess die Alten also den ganzen Tag draussen und da ich gegen Abend einen Termin bei der Friseuse hatte, konnte ich nicht gleich beim Einnachten zum Rechten schauen. Als ich aber um halb sieben nachhause kam, hockten die Alteingesessenen überraschenderweise im Stall, während die Jungen in der Dunkelheit im Gehege herumirrten. Mein Sohn hatte den alten Hennen wahrscheinlich das Tor zum Gehege geöffnet, vermutete ich, aber als ich ihn danach fragte, verneinte er. Wie waren meine zwei Sumo-Hühner also in den Stall gekommen, obwohl das Tor des Geheges zu war? Es war mir ein einziges Rätsel, denn zwei Meter hoch übers Gehege fliegen, das schafften die Schwergewichtlerinnen bestimmt nicht mehr. Ich nahm mir vor, die beiden beim nächsten Einnachten genau zu beobachten. Ich musste mit eigenen Augen sehen, wie sie das geschafft hatten. Vorerst aber trug ich die zwei jungen Hühner in den Stall. Da es dunkel war, gab’s keinen Streit und das Parfüm – ich hatte noch einen Rest Opium übrig – kam nun zum Einsatz. Ich sprühte das Produkt von Yves Saint Laurent grosszügig auf die vier Damen, in der Hoffnung, vor allem die alten zu täuschen. Am anderen Morgen dann – es war Samstag – stand ich besonders früh auf, aber im Hühnerstall war trotz Opiumduft bereits der Teufel los! Die Alten liessen sich im Morgengrauen nicht mehr täuschen und quälten die jungen Eindringlinge, die in ihrem Revier nichts zu suchen hatten. Sie hackten gnadenlos auf den Jungen herum, besprangen sie genau wie Hähne regelrecht mit ihren vier Kilo Lebendgewicht und machten ihnen die Hierarchie auf brutalste Weise klar. Ich konnte das nicht mitansehen und trennte sie schon morgens um sieben, noch bevor es ganz hell und obwohl die Welt sonst um diese Zeit noch in Ordnung war. Die neuen Hühner blieben weiterhin im Gehege, die alten Damen schickte ich mit ein paar rationierten Körnern und ein paar sehr rachesüchtigen, blutrünstigen Gedanken nach draussen direkt in den Garten. Das schien ihnen aber nicht zu passen, obwohl sie doch sonst gerne im Garten waren, wo sie nach Lust und Laune nach Käfern und Regenwürmern scharren, kleine Haselmäuschen jagen, und mir auch regelmässig und gründlich den Komposthaufen umgraben oder die Eingangstreppe verscheissen konnten. Sie belagerten das Hühnergehege auf der Gartenseite, gackerten in langgezogenen, sehr vorwurfsvollen Tönen und verstanden ihre kleine Welt nicht mehr. Wie um ihr Leben zu sichern, legten sie sogar plötzlich selber wieder je ein Ei im Garten, nämlich hinter dem Lavendelstrauch auf der Vorderseite des Hauses. Etwas, was sonst wie gesagt nur noch alle paar Monate geschah, da die Wechseljahre wohl längst begonnen hatten. Nach einer Weile fing es auch noch an zu regnen und die Alten suchten sich einen Unterschlupf im Garten, während die Jungen völlig dämlich im Regen standen, statt in den weitoffenen Stall hineinzugehen, bis sie völlig durchnässt waren und ich mir Sorgen machte, dass sie krank werden könnten, weil sie es noch nicht gewohnt waren, jedem Wetter ausgesetzt zu sein. Gegen Mittag liess ich die jungen Hühnchen auch in den Garten hinaus und dort konnten sie sich immerhin vor den Attacken der anderen in Sicherheit bringen und zu zweit je eine Partei gründen. Beim Einnachten sperrte ich die Jungen ins Gehege und sie fanden den Weg in den Stall schon allein, während die alten Damen, die ich von weitem beobachtete, eine Weile sehr gestresst draussen vor dem geschlossenen Gehege herumtrippelten. Ich wollte ihn nun sehen, den verblüffenden Zaubertrick, aber am Ende war die Lösung ziemlich banal. Sie schafften es, sich trotz ihrer unanständigen Leibesfülle durch das oben mit einem Seil geschlossene, aber unten nur angelehnte Maschendraht-Tor des Geheges zu quetschen. Das hatten sie in ihrem ganzen Leben nie probiert, sie hätten nämlich auch auf die gleiche Weise aus dem Gehege herauskommen können, tagsüber, wenn ich mal Verspätung hatte beim Rauslassen in den Garten. Nun war es also wieder dunkel und es herrschte Ruhe im Stall. Ich wünschte gute Nacht und ging frohgemut ins Haus. Ich hatte den Eindruck, die zwei unterschiedlichen Generationen würden sich mit der Zeit doch noch verstehen oder zumindest ignorieren. Tatsächlich ging es mit jedem Tag besser, die Attacken liessen nach und zudem waren die zwei jungen wirklich viel zutraulicher als alle früheren Hühner, abgesehen von jenen, die wir als Küken vom Markt geholt hatten, als die Kinder noch klein gewesen waren. Was für ein Abenteuer aber auch:    Damals hatten wir vier Stück gekauft, wussten aber nicht, ob es Weibchen oder Männchen waren und hatten nicht einmal eine Wärmelampe oder spezielles Kükenfutter besorgt. Das war natürlich schon ein bisschen verantwortungslos gewesen, aber wenn man bedenkt, dass die niedlichen Küken in der Hühnerindustrie gleich nach dem Schlüpfen millionenfach geschreddert werden, wenn es Männchen sind, denn Spezialisten wissen das Geschlecht natürlich schon zu erkennen – oder wenn man bedenkt, dass die weiblichen Küken, wie ich im grauenvollen Film „Our Daily Bread“ von Nikolaus Geyrhalter sah, der die völlig legalen Praktiken im Umgang mit lebenden Tieren und Pflanzen in Europa zeigt, wie knallgelbe Pingpongbälle auf Förderbändern transportiert werden und von dort auch mal herabstürzen – dann hatten es die Küken trotzdem gut bei uns gehabt, obwohl die zwei helleren Tierchen leider schnell eingingen. Die zwei Schwarzen waren hingegen robuster und schafften es vielleicht auch besser, weil sie beim Einnachten immer herzzerreissend piepsten, bis wir sie jeweils in unsere Hände nahmen, wie unter die Fittiche ihrer nie gekannten Mütter, wodurch sie sich sofort beruhigten und friedlich einschliefen. Es wurden zwei Junghähne aus ihnen, auch nicht so ideal fürs erträumte Eierlegen und weil zu der Zeit hier bei uns in Frankreich gerade Chirac und LePen als Präsidentschaftskandidaten in den Schlagzeilen waren, tauften wir die Junghähne Jean-Marie und Jacques. Jean-Marie hatte Pech, er schied als Erster aus, denn er wurde vor unseren Augen von einer hungrigen schwarzen Katzenmutter entführt und nie mehr gesehen. Jacques hatte noch eine Weile weiterleben dürfen, aber weil er später als erwachsener Hahn sehr aggressiv wurde, sodass wir ihn mit dem Besen von den Kindern fernhalten mussten, war er in unserem Suppentopf gelandet.

Ja, was hatten wir nicht schon alles erlebt mit unsern Hühnern:  Einmal hatten wir auch eine richtige Glucke gehabt, die unbedingt Eier ausbrüten wollte, was sich darin zeigte, dass sie eines Tages mit erhöhter Körpertemperatur aufgeplustert in einer Ecke des Stalles auf ihren Eiern hockte und nur noch zum Trinken nach draussen ging. Weil wir aber damals keinen Hahn mehr hatten, schoben wir ihr befruchtete Eier unter, die eine Bekannte, die eine grosse Schar Hühner und einen Hahn besass, vorbeigebracht hatte. Das Ausschlüpfen der Küken war natürlich ein besonderes Ereignis, aber auch hier sahen wir wieder, wie grausam die Natur sein konnte. Ein Küken schaffte es längere Zeit nicht richtig aus dem Ei und als ich ihm endlich ein bisschen half, blutete es leicht am Hinterteil. Da kam die Glucke daher  und begann am Küken herumzupicken, bis mir beinahe schlecht wurde und ich mich mit Übelkeit verzog, weil ich nicht mitansehen wollte, wie die Mutter das eigene Kind frass. Die überlebenden  gesunden Kinder aber beschützte die Glucke, die ich von da an Glucke Courage nannte, sehr effizient! Als einfaches Huhn war sie nämlich eher ein ängstlicher Typ gewesen, doch als junge Mutter mit Verantwortung für acht Kinder riss sie jeder Katze, die sich in ihre Nähe wagte, gleich büschelweise Haare aus.

Wie grausam die Natur auch sonst war – wie’s ständig ums Fressen oder Gefressenwerden ging – merkte ich dann wieder, als ich am Freitagmorgen, genau eine Woche seitdem ich die jungen Hühnchen gekauft hatte, zum Hühnerstall ging. Ich war etwas spät dran, es war schon taghell und die verdächtige Stille im Garten war mir sofort unheimlich. Noch bevor ich das Gehege erreichte, sah ich vor dem Stall etwas Undefinierbares liegen. Beim Näherkommen erkannte ich, dass es eine der alten Hühnerdamen war, die Schwarze, die mit ausgestreckten Füssen auf dem Rücken lag – ohne Kopf. Gleich danach sah ich, völlig verdattert,  auch das Riesenloch in der hölzernen Seitenwand des Stalles. Die blutrünstige Bestie, wahrscheinlich ein Fuchs, hatte doch tatsächlich ein Riesenloch ins schon etwas morsche Holz gerissen und kurzen Prozess gemacht. Drinnen lag noch die pummelige weisse Henne, ebenfalls totgebissen, aber die zwei jungen Hühnchen waren verschwunden. Als ich dann im Garten nach ihnen suchte, fand ich hinter dem Lavendelstrauch noch die schwarze Junghenne, ebenfalls geköpft. Von der braunen Junghenne fehlte jedoch jede Spur – abgesehen von ein paar weichen, braunen Federnbüscheln vor unserem Garteneingang, die noch von kleinen roten Fleischklümpchen zusammengehalten wurden, welche sich im lauen Frühlingswind leicht hin und her bewegten, wie wenn sie mir zum Abschied zuwinken würden. Ohne viel Hoffnung lief ich noch bis zur Hauptstrasse ein paar Meter weit entfernt von unserem Haus, aber ausser ein paar Blutstropfen gab es keine weiteren Indizien mehr. Nur im Hühnergehege und im Stall hatte es natürlich noch massenhaft weisse und schwarze Federn, sowie die abgerissenen Holzstücke und einige Klumpen aus halbverdautem Mais gemischt mit Gras: der Kropfinhalt oder, anschaulicher ausgedrückt – die Henkersmahlzeit meiner gefrässigen alten Damen. Frustriert holte ich mir einen Abfallsack im Haus und entsorgte die schweren Hühnerkadaver darin. Wahrscheinlich flatterten sie bereits im jenseitigen Hühnerparadies herum, wo es auf jeden Fall keine Hühnerhierarchie und keine hungrigen Füchse mehr gab, tröstete ich mich. Dann stellte ich ihre sterblichen Überreste in die kühle Garage, ging ins Haus zurück, schaltete in meinem Büro mit dem Blick auf das leere Hühnergehege den Computer ein und leerte meinen Kropf bei meiner mitfühlenden Facebook-Community.

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