Vor kurzem ist beim Schweizer Arisverlag die Anthologie „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle“ erschienen. Sie enthält 30 kurze Original-Geschichten von 28 Autor*innen, in denen Schuhe die Hauptrolle spielen.
Der Herausgeber Wolfram Schneider-Lastin und die Herausgeberin Christa Prameshuber besuchten 2024 anlässlich einer Lesereise das Schuhmuseum in Linz, wo sie der Inhaber Siegfried Hain durch seine Sammlung führte und die beiden mit allerhand Geschichten zur Idee dieser Schuhanthologie inspirierte. So machten sie sich auf die Suche nach Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Begeistert sagten viele zu und schrieben erstaunliche Geschichten, in denen Schuhe die Hauptrolle spielen : Ordonnanzschuhe, Springerstiefel, Wanderschuhe, Zoccoli, Sandalen, Tanzschuhe, Stöckelschuhe, Gladiator-Sandalen, Tigerfinkli, Mocassins …
Auch von mir gibt es eine Erzählung darin, die sich um Schuhe dreht. Sie trägt den Titel „Die Enttäuschung“ und geht auf eine Anekdote aus meiner Jugend zurück, eine Erfahrung und eine Lektion fürs Leben, als ich in den 80er Jahren Au-Pair im Welschland und ganz kurz auch in Afrika war.
Die Geschichten sind sehr vielseitig und ich will ein paar hervorheben, die mir spontan im Gedächtnis haften blieben:
Da sind die grauenhaften, die Füsse der Soldaten ruinierenden Ordonnanzschuhe der Schweizer Rekruten, über die Marc Djizmedjian in „Feuer, das nicht wärmt“ sehr anschaulich erzählt oder die Springerstiefel in „Punk“ von Esther Banz, die im London der 80er Jahre zum Glück bequem genug zum Sprinten waren, sodass sich die Autorin erfolgreich gegen flagrantes Unrecht behaupten konnte.
Auch die lauten Zoccoli einer Sekundarschülerin in „The first cut is the deepest“ von Patricia Büttiker hallen in meinem Kopf noch lange nach. Sie begleiten sie auf ihrem Weg durch die aufwühlenden Jugendjahre und die tief einschneidende Abwesenheit ihrer Mutter. Ihr eigenwilliges Klappern scheint all die widersprüchlichen Gefühle dieser jungen Frau auszudrücken.
Besonders präsent sind mir auch die Erzählungen „Muttertag“ von Barbara Traber und „Phantasie in Übergrössen“ von Sabine Bierich. In ersterer zwängt sich die erwachsene Tochter, fast wie Aschenbrödel, in die geschenkten Schuhe ihrer Mutter, um ihr eine letzte Freude zu machen, während in letzterer Kinder in den Riesenschuhen ihres Vaters Gebirge und Seen überqueren.
Auch die amüsante Geschichte „Die Aufreger“ über die goldenen Fussballschuhe Mitte der 70er Jahre von Siegfried Hain, die im Schuhmuseum ausgestellt sind, bleibt mir in bester Erinnerung.
Wenn man Daniel Zahnos „Schuhparade“ und Christian Ruchs „Unschuhverlässig“ gelesen hat, überlegt man sich gleich den Kauf von neuen Wanderschuhen, um die eigenen, uralten zu ersetzen, bevor ein Malheur damit passiert … Und die berühmten Tigerfinkli, die man auch heute noch kaufen kann, sehe ich nach der Lektüre von Daniel Zahnos Geschichte nicht mehr als herzige Schweizer Klassiker sondern als traumatisierendes Element einer Kindheit.
Auch die Schuhe selbst kommen zu Wort, was sich schon am Titel der Anthologie erkennen lässt. So in der Erzählung „Die getrennten Brüder“ von Wolfram Schneider-Lastin, wo es um die kostbaren Schuhe einer Opernsängerin geht, die einzeln nach New York geschickt wurden oder auch in „Ausgedient“ von Evelina Jecker Lambreva, wo sich auf knappen zwei Seiten ein erotisches Schuh-Drama abspielt.
Bei Nelio Biedermanns Erzählung „Staub“ fällt mir auf, dass der vermutlich jüngste Autor als einziger eine Schuhgeschichte imaginiert, die in einer dystopischen, vom Klimawandel geprägten Zukunft spielt, wo der Besitz von Wasser, Sandalen und gesunden Lungen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Ein Blick in die Zukunft, der einem zu denken gibt.
Sunil Manns unheimlicher, sinnlicher Schuhkrimi in Kurzform „Im Schaufenster“ besticht durch seinen genialen Aufbau und sein völlig unerwartetes Ende. Eine überzeugende Kostprobe seines Könnens, die Lust macht auf mehr.
Anja Siouda 4. April 2026
P.S. Wer Lust auf weitere Kurzgeschichten (von mir) hat, den verweise ich gerne auf „Tuttifrutti-Humoristische Erzählungen für jeden Geschmack“, eine Sammlung zeitloser Häppchen mit überraschenden Pointen, die sich auch gut als Bettlektüre eignen.
Eine kurze Besprechung der Anthologie von Manuela Hofstätter findet man hier:
https://www.lesefieber.ch/buchbesprechungen/wolfram-schneider-lastin-christa-prameshuber-herausgeber-ich-erroete-vom-schaft-bis-zur-sohle-schuhgeschichten/
Am Samstag 28. März 2026 war die Anthologie „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle“ Ausgangspunkt des literarischen Reiserätsels in der Rhein-Main-Zeitung der FAZ, in der Frankfurter Neuen Presse, sowie in der Frankfurter Rundschau.