Wann haben Sie in Ihrem Leben denn zum ersten Mal ein Flugzeug bestiegen?

Also in meinem Fall war das eher spät, mit 15 Jahren nämlich flog ich (Jahrgang 1968) zum ersten Mal. Und das nicht etwa mit meinen Eltern, sondern als Au-Pair-Mädchen* bei sehr betuchten Leuten in der Westschweiz, die mich für ihre Ferien am Jahresende als ihre Angestellte für die Betreuung der Kinder nach Kenia mitnahmen. Diese Reise war ein unvergessliches Erlebnis für mich: Der Flug, zuerst von Genf nach Zürich und dann von Zürich nach Mombasa! Der 6- und der 10-jährige Bub der Familie nahmen es natürlich absolut locker, waren sie es doch bereits als Baby gewohnt, um die halbe Welt zu fliegen.

Heute reisen auch schon die Kleinsten routiniert um den Globus, aber es bleibt doch ein Luxus der westlichen Welt oder jedenfalls des reichen Nordens. Wie auch der Luxus, jedes Jahr womöglich mehrmals im Ausland Ferien zu machen. Das können auch hier in unseren Breitengraden nicht alle. Was aber nicht heisst, dass einem nur Ferien im Ausland glücklich machen könnten, wie uns das die Werbung und oftmals auch die Social Media vorgaukeln.

Als Kind war ich mit meinen Eltern und meinen zwei Brüdern nicht ein einziges Mal in den Ferien, so wie man sie heute versteht. Ich war im Leben mit meinen Eltern, soweit ich mich erinnern kann, nur einmal in einem Schweizer Hotel, als wir meine Brüder in einem Jungwacht-Ferienlager im Wallis besuchten. Ich war nie im Ausland mit meiner Familie, bestieg auch wie gesagt nie ein Flugzeug und sah das Meer – zum allerersten Mal – von weitem, auf einer Bildungsreise im Untergymnasium, als wir mit unserem Lateinlehrer von Rom aus einen Ausflug nach Ostia machten. Wir hatten aber damals keine Zeit, auch nur einen Zeh ins Meer zu strecken.

In der Zeit davor, als ich noch viel jünger war, liess sich meine Mutter oftmals als Blauring-Lagerköchin anstellen und durfte meine älteren Brüder und mich dafür gratis mitnehmen. Später war sie auch einmal Lagerleiterin und nahm mich als Jüngste alleine mit.

Was aber machten wir denn in den Ferien, da wir weder ins Ausland flogen, noch uns innerhalb der Schweiz an einen typischen Touristenort begaben? Meistens fuhren wir in etwas mehr als einer Stunde von Meggen (LU) auf den Brünigpass, wo meine Eltern anfangs der 70er Jahre eine kleine Alp erstanden hatten. Dort verbrachten wir alle Ferien, wenn wir nicht zuhause oder in einem Lager waren.

Und dorthin fuhren wir auch sonst jedes Wochenende. Ich weiss noch sehr gut, wie schlecht es mir jeweils beim Hochfahren zum Pass wurde, zumal mein Vater noch einen ekelhaften dicken Stumpen dazu rauchte, der das ganze kleine Auto verqualmte, und zumal das Wasser in den kleinen weissen Plastikfläschchen vorne im Handschuhfach einfach nie Trinkwasser war, sondern allein Vorratswasser für den Motor, sollte er mal wieder überkochen. Aus dem Rückblick frage ich mich, warum es meinen Eltern eigentlich nie in den Sinn gekommen war, eine Flasche Trinkwasser mitzunehmen. Wahrscheinlich hielten sie etwas mehr als eine Stunde Autofahrt nicht für unendlich wie ich und meine Brüder.

Auf unserer Alp auf dem Brünig aber war ich glücklich, obwohl wir, weil es eben eine Wochenend-Alp war, natürlich abgesehen von den Mäusen auf dem Estrich, den Schmetterlingen über unseren Köpfen und den Weinbergschnecken an allen Ecken keine eigenen Tiere hatten. Allein der Ort mit seinen Wiesen, seinem Wald und seinen Steinhaufen voller Haselbüsche war schön, das Zusammensein mit meinen Brüdern und meinen Eltern, das Blumenkränzchenmachen mit meiner Mutter, die Schneckenrennen und das Bergbachstauen mit meinen Brüdern oder das Ostereiersuchen zwischen all den Steinen. Und natürlich das Indianer- und Cowboy-Spielen: „Ich Winnetou, Du Old Shatterhand“.

Wenn wir im Winter hie und da oben auf der Alp waren, wenn wir es von der Passhöhe her zu Fuss und mit den selber ausgetüftelten, in fünffacher Ausführung angefertigten Schneeschuhen meines Vaters, alias Daniel Düsentrieb oder Professor Balthazar, überhaupt durch den hohen Schnee geschafft hatten, fuhren wir im selbst erlernten Stemmbogen über kleine Schanzen auf einer Piste, die vielleicht vierzig Meter lang war. Man wundere sich daher nicht, dass ich auch als Jugendliche am obligaten Skitag auf dem Gymnasium nie richtig Ski fahren konnte!

Vielleicht empfand ich es ja unbewusst auch als so schön auf unserer Alp, weil es später eben nicht mehr so war. Meine Eltern liessen sich scheiden, meine Mutter zog mit mir und meinen Brüdern nach Luzern und mein Vater blieb noch eine Weile in Meggen.

In jener Zeit ging ich auch oftmals zu Bauern im Kanton Schwyz, die mit meinem Vater befreundet waren, in die Ferien. Auch dort gefiel es mir immer sehr gut, vor allem das Melken der Kühe, das Ausmisten, das Heuen und das Obstauflesen.

Bald aber verabschiedete sich mein Vater definitiv von seinem Posten als technischer Leiter der Wasserversorgung in Meggen und zog 1982 als vegetarischer Selbstversorger auf den Brünig, wo er von da an 18 Jahre lang ganzjährig alleine lebte. Von seinen Milchschafen, seinem eigenen Käse, seinem Gemüse- und Beerengarten, vom Verkauf von Kräutertees, Wildbeerenkonfitüre und selber angefertigten Holzartikeln. Und von seiner Pensionskasse.

Ich lebte mit meiner Mutter, die als Katechetin und Hauswartin arbeitete, und mit der ich mich immer prima verstand, sowie mit meinen Brüdern in Luzern, wo ich liebe Freundinnen fand und wo mich das Fasnachtsfieber jeweils so richtig packte. Meinen Vater besuchte ich, im Gegensatz zu meinen Brüdern, die älter und schon in der Lehre waren, und sich nicht für das Alpenleben begeistern konnten, von der Stadt her oft, weil mir das Selbstversorgerleben auf der Alp schon immer wahnsinnig gut gefiel. Eine Zeitlang liebäugelte ich sogar mit der Bäuerinnenschule, obwohl ich mit meinem Talent für Sprachen ja auf dem Weg zur Matura war.

Dann aber lernte ich (über Brieffreundschaften aus aller Welt, sogenannten „Penfriends“ … und ganz ohne Internet!) bald einmal meinen heutigen Ehemann in Algerien kennen, heiratete ihn noch vor der Matura und zog gleich nach dem Abschluss in die Westschweiz mit ihm, weil er kein Deutsch sprach und ich in der Romandie und an der Universität Genf meiner Französischleidenschaft frönen konnte.

Von da an waren wir zu weit weg, um meinen Vater und auch meine Mutter noch oft zu besuchen. Es war auch eine finanzielle Frage, denn für uns als bescheidene Studenten konnten Zugtickets in die Deutschschweiz ganz schön ins Geld gehen.

Manchmal aber möchte ich fliegen können, um schnell nachzusehen, ob auf unserer Alp, die mein Vater 1990 verkauft hat, weil es ihm dort oben, vor allem in den langen Wintermonaten, auf Dauer doch zu einsam wurde, mein kleines schmales Häuschen mit Fenster, das ich mit ihm zusammen im Wald nicht weit vom Bach gebaut und wo ich innen auf Kopfhöhe an den Wänden rundherum meine Weinbergschneckenhäusersammlung an Nägeln angebracht hatte, immer noch steht …

 

P.S. Vielleicht versteht ihr nun, werte Leserinnen und Leser, warum die „Alp auf dem Brünig“ in all meinen Romanen und meinen Erzählungen immer wieder eine zentrale Rolle spielt.

*Nach drei Jahren am Untergymnasium Alpenquai in Luzern setzte ich auf eigenen Wunsch ein Jahr aus und ging mit Didac als Fille-Au-Pair in die Westschweiz. Danach ging ich, bereichert mit sehr guten Französischkenntnissen, wieder zurück ans Gymnasium Alpenquai in Luzern und blieb die nächsten vier Jahre bis zur Matura (1988) dort.

1 Response

  1. Danke schön. Wenn ich das lese in in den Büchern erlebe ich das dort sein . Viele Grüße Maria Einen schönen Sommer. Willkommen in der Pfalz. Alles spricht mich tief an.

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