Erdbeerzeit jetzt erschienen!

Anja Siouda wünscht sich mehr Toleranz unter den Menschen und schreibt in diesem Roman über die Diskriminierung von Übergewichtigen, die Fixierung auf Äusserlichkeiten in unserer Gesellschaft und über eine Frau, die keine neue Diät, sondern sich selbst findet!

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

September 2002. Angela, eine junge Frau Ende Zwanzig, führt eine unglückliche Ehe mit Benno, seinen zwei Töchtern aus erster Ehe und ihren gemeinsamen Zwillingen. Die ständigen Demütigungen, denen sie durch Benno ausgesetzt ist, und ein nie verarbeitetes Trauma aus ihrer Jugendzeit, bringen sie zur völligen Verzweiflung. Vor allem wegen ihres grossen Übergewichts hat sie kein Selbstwertgefühl und tut sich seit Jahren schwer mit ihrem Körper, bis sie sich eines Tages dazu entschliesst, ihr Leben in die Hände zu nehmen und sich in einem Altersheim für eine Stelle zu bewerben.

Erscheint bei BoD, Dezember 2017. Auch als E-Book.
9.90 € – ISBN: 978-3744889629

Auf Bestellung in jeder Buchhandlung erhältlich, sowie bei bod.de, exlibris.ch, amazon.de, ebook.de, thalia.de oder auf Wunsch auch direkt bei der Autorin: kontakt@anjasiouda.com

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Kurze Leseprobe: September 2002

Ein zartes Lüftchen wehte um ihre Ohren, spielte mit ihrem blonden Haar, und sie fühlte sich plötzlich leicht wie eine Feder, wie von unsichtbaren Händen und einem seltsamen Gefühl der Euphorie getragen. Aus dem Fenster der Nachbarn ertönte ohrenbetäubender Rap, unten auf der Strasse mischte sich das schrille Geschrei der Kinder, die aus der Schule kamen, mit dem ungeduldigen Hupen der Autos, deren erschöpfte Insassen seit fünf Uhr morgens im Industrieschlachthof gearbeitet hatten und sich nun durch den täglichen Stau nach Hause quälten, um sich in ihrem trauten Heim vom Töten im Akkord zu entspannen. Es war keine einfache Arbeit, sie wusste das, denn Benno war auch eine Zeit lang dort beschäftigt gewesen und hatte sich jeden Abend bei ihr, die nur müssig zu Hause hockte, über die eklige Schinderei beklagt, bevor er schliesslich im Supermarkt eine verhältnismässig angenehme Stelle als Magaziner gefunden hatte. Ein Glück war das. Für Benno und für die Haushaltskasse, von der die sechsköpfige Familie zehrte.

In der Luft hing ein Gemisch von Abgasen und feuchter Herbstmelancholie und am blaugrauen Himmel ein illusionäres Netz aus Kerosinstreifen, das nach wenigen Minuten verblasste und nicht einmal den fallenden Engeln Halt gab.

Angela warf einen dumpfen Blick durch die Glastür auf die Zwillinge Samuel und Emanuel, die brav vor dem Fernseher sassen und gebannt zuschauten, wie die einfältigen, tollpatschigen Teletubbies mit den integrierten Flimmerbäuchen in ihrem kitschigen Wiesenparadies zwischen den Hoppelhasen umherwatschelten und auf Erdbeersuche gingen. Erdbeeren. Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr beinahe übel.

Die Zwillinge werden nichts merken. Sie konnten stundenlang vor der Glotze sitzen, ein Kinderprogramm nach dem anderen reinziehen, selbst diejenigen Serien, die längst nicht mehr ihrem Alter entsprachen, und die Welt um sich herum vergessen, genau wie die älteren Geschwister, Benno und sie selbst. Der alte Fernseher lief jeden Tag, ununterbrochen, bis das Kunststoffgehäuse heiss wurde und Angela des seltsamen Geruchs wegen manchmal sogar das Fenster öffnen musste. Kaum hatte sie die Kleinen am Morgen geweckt, setzten sie sich vor den Flimmerkasten und suchten zielsicher nach ihren Lieblingstrickfilmen, sodass Angela Mühe hatte, sie zum Ankleiden zu bewegen. Ihre Schokomilch nuckelten sie aus den Flaschen mit den zerbissenen Silikonsaugern, obwohl es jetzt, wo sie fünf Jahre alt waren, schon längst an der Zeit gewesen wäre, sie davon zu entwöhnen, aber Angela mochte nicht mehr darum kämpfen. Ihr war alles egal. Es war ihr auch egal, dass die zwei Grösseren in ihrem Zimmer allein fernsahen und sie nie um Erlaubnis fragten. Sie hatten schon immer gemacht, was sie wollten, waren gewöhnlich rotzfrech und liessen sie in jeder Hinsicht spüren, dass einzig und allein ihr Vater Benno für sie zählte.

Die werden keine Träne um mich weinen, dachte Angela, deren Anflug rauschhafter Euphorie bereits am Verpuffen war, schluckte den Kloss im Hals hinunter und stieg schwer atmend auf den hölzernen Schemel. Sie zog ein Bein über die Balustrade und verspürte plötzlich ein schmerzhaftes Zwicken im Rücken, das ihr einen Moment lang den Atem nahm. Sie keuchte bereits vor Anstrengung und auch vor Angst. Ihr Herz flatterte jetzt und ihr wurde fast schwarz vor den Augen, aber heute, heute war der Tag, ihr Tag …