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Schutzengel

Eigentlich breite ich mein Privatleben nicht gerne im Netz aus, vor allem, wenn es die ganze Familie betrifft. Nun haben aber drei von uns Vieren den Virus so bös erwischt, dass ich doch von dieser schrecklichsten Erfahrung unseres Lebens erzählen will.

Gleichzeitig möchten wir auch unseren Eltern, Verwandten, allen Freundinnen, Freunden und Bekannten danken, die die ganze Zeit über an uns gedacht, für uns gebetet und uns Schutzengel und liebe WhatsApp-Nachrichten geschickt haben.

Vom 24. Oktober bis 26. Oktober (von Samstag auf Dienstag) waren mein Mann und ich zum ersten Mal seit Mitte Februar 2020 zu zweit weggefahren, nicht weit, nur bis nach Murten anderthalb Stunden von unserem Wohnort in Frankreich entfernt, wo wir sozusagen unseren 33. Hochzeitstag vorholten. Wir hatten nämlich seit Februar nicht mehr zu zweit weggekonnt, weil wir den kranken Vater (83) meines Mannes bei uns zuhause medizinisch betreuten (wie jedes Jahr) und ihn nicht allein lassen konnten. Da es ihm aber inzwischen dank einer effizienten Therapie viel besser ging, liessen wir unseren jüngsten Sohn (23) seinen Grossvater betreuen.

Die drei Tage im historischen Städtchen Murten waren wunderschön! Wir hielten auch alle Sicherheitsvorschriften ein, da wir sie seit Beginn der Corona-Pandemie sehr ernst nehmen. Wir trugen unsere Masken auch draussen, wenn viele Leute am Murtensee an uns vorbeispazierten, gingen in kein einziges Restaurant, picknickten in unserer kleinen Ferienwohnung und genossen diese kleine Auszeit sehr.

Auch im Papiliorama in Kerzers trugen wir unsere Masken. Es waren wenige Leute da, wir fühlten uns sicher. Auch dort tranken wir nicht einmal einen Kaffee drinnen.

Am Dienstagnachmittag kehrten wir nachhause zurück und setzten uns erst Mal an den kleinen Küchentisch mit unserem Sohn, um uns von ihm erzählen zu lassen, wie es denn mit dem Grossvater gegangen war. Alles hatte prima geklappt und wir freuten uns sehr. Dem Grossvater ging es sehr gut und unserem Sohn auch.

Am Mittwoch hatte unser Sohn die ersten Symptome. Leichter Schnupfen, Kopfschmerzen. Sofort isolierten wir ihn, er durfte nur noch mit Maske und desinfiziert aus seinem Zimmer, wo er auch alleine essen musste.

Am Donnerstag verlor er seinen Geschmackssinn und hatte weiter starke Kopfschmerzen. Er machte den Test, aber das Resultat sollte erst Tage später kommen.

Mein Mann und ich assen weiterhin (und nichtsahnend) zu dritt mit meinem Schwiegervater.

Am Samstag, dem 31. Oktober, hatten mein Mann und ich auch leichte Symptome und etwas Temperatur. Sofort isolierten wir den Vater meines Mannes. Wir brachten ihm nur noch das Essen, mit Maske, mit desinfizierten Händen und desinfiziertem Geschirr. Ich kochte nur noch mit Maske. Zum Glück hatte der Schwiegervater seine eigene Toilette und den eigenen Ausgang im Untergeschoss. Wir liessen ihn absolut nicht mehr zu uns hinaufkommen.

Die Symptome hielten sich bei uns zum Glück in Grenzen. Ein bisschen Halsweh, Kopfschmerzen, Husten und 37,5 ° Temperatur. Wir waren zuversichtlich, dass es glimpflich ablaufen würde. Wir fanden, im Gegensatz zu unserem Sohn habe es uns weniger schlimm erwischt.

Am Dienstag 3. November machten wir den Test. Dazu standen wir geschlagene zwei Stunden im Regen und in der Kälte in der 400 Meter langen Warteschlange vor dem Labor.

Das positive Testresultat unseres Sohnes war am Montag ohne Überraschung eingetroffen. Abgesehen vom verlorenen Geschmacks- und Geruchssinn ging es ihm wieder recht gut.

Wir blieben wie vorgeschrieben zuhause und bekamen unser Testresultat am Freitag, 6. November, sozusagen als Hochzeitstaggeschenk. Wie erwartet war es positiv. Der Dame von der Covid-Zentrale, die uns anrief, um unsere Kontakte weiterzuverfolgen, sagte ich noch, es ginge uns recht gut.

Ab diesem Freitagnachmittag aber ging es uns absolut elend. Wir hatten beide 39° Fieber, sehr starke Kopfschmerzen, Husten, Schmerzen in der Brust, eingeschränkte Atmung und eine enorme Müdigkeit. Bei meinem Mann kam noch eine Stirnhöhlenentzündung dazu.

Am Samstagmorgen raffte ich mich zu einer Dusche auf, weil ich zu allem Elend auch noch meine Tage hatte, und als ich aus der Dusche stieg, sah ich voller Schrecken meinen marmorierten Bauch im Spiegel. Da bekam ich es zum ersten Mal mit der Angst zu tun, weil ich von den Neugeborenen noch weiss, dass marmorierte Haut ein Problem mit der Sauerstoffversorgung bedeutet. Bei den Neugeborenen ist das ja normal, weil das System noch nicht ausgereift ist, aber beim Covid … Mir wurde schwindlig und übel und ich fand mich auf allen Vieren wieder. Die Tür zur Badezimmer konnte ich gerade noch aufschliessen, damit mir mein Mann wieder aufhelfen konnte. Ich war grün im Gesicht.

Ich versuchte, unseren Hausarzt zu erreichen, aber es war ständig besetzt. Schliesslich schrieb ich ihm in der Nacht auf Sonntag eine Mail und er sagte mir, ich müsse am Sonntag unbedingt den Notfalldienst anrufen, damit sie mir einen Arzt schickten. Das tat ich dann, und der Notfallarzt vom SAMU beruhigte mich immerhin am Telefon, ich könne noch normal sprechen und klinge nicht ausser Atem. Ich bekam ein paar Adressen von Notfallärzten mitgeteilt, die ich aber eigentlich schon wusste.

Da ich etwas beruhigt war, warteten wir noch zu. Im Internet hatte ich gelesen, man müsse sehr viel trinken, um den zu niederen Blutdruck in die Höhe zu kriegen, also trank ich so viel wie möglich.  Am Montagmorgen um sechs wollte ich mir eine Thermoskanne Kräutertee kochen, lag dann aber zuerst eine halbe Stunde über dem Tisch in der Küche, mit kalten Schweissausbrüchen und völlig geschwächt. Gegen Abend dopten mein Mann und ich uns mit Paracetamol und fuhren mit 39° Fieber zu unserem Hausarzt, der uns um 19 Uhr empfing. Der Blutdruck meines Mannes war auch im Keller, aber immerhin war der Sauerstoffgehalt im Blut bei uns beiden in Ordnung. Um den hatten wir uns ja am meisten Sorgen gemacht.

Unser Hausarzt verschrieb uns beiden starke Dosen Kortison und Antibiotika und tatsächlich ging es uns ab Mittwoch endlich besser. Das Fieber liess nach, aber die Kopfschmerzen begleiteten uns noch lange. Wir füllten am Donnerstag unsere «Hinausgeh-Bewilligung» aus und spazierten zum ersten Mal eine Stunde im Umkreis von einem Kilometer, wie hier in Frankreich erlaubt.

Dem Schwiegervater geht es «blendend». Er hatte kein einziges Symptom, aber wir werden ihn jetzt doch noch testen lassen. Vielleicht ist es zu spät, vielleicht war er ja positiv und ist es schon nicht mehr, aber wir hatten die Kraft nicht dazu vorher.

Jetzt bleibt noch die Frage, die wohl allen Lesern auf den Lippen liegt: Woher hatte unser Sohn den Virus? Tatsächlich ist er ein verantwortungsvoller Typ und zudem kein Partyfreak. Wir haben ihm seit Beginn der Krise eingehämmert, dass er extrem aufpassen soll, eben weil wir den kranken Grossvater im Haus haben. Gegenüber seinen Freunden war das nicht immer so einfach durchzuhalten. Es gab leider Freunde, die belächelten ihn deswegen.

Als wir in Murten waren, lud unser Sohn seinen kürzlich aus den USA zurückgekehrten Schulfreund ein. Sie verbrachten im Haus bei uns Zeit zusammen, trugen aber die Masken!!

Nur einmal trugen sie sie nicht: Als sie in unserer geschlossenen Stube mit Sicherheitsabstand einen Kaffee tranken und eine halbe Stunde plauderten.

Der Freund hatte keine Symptome. Reiste gleich danach nach Zürich, wo er einen neuen Job begann. Er liess sich schliesslich testen, weil unser Sohn darauf drängte, und er war positiv, was er nicht erwartet hatte. An seinem neuen Arbeitsplatz mussten gleich alle in Quarantäne.

Obwohl mein Mann und ich den Alltag jetzt zum Glück wieder bewältigen können, fühlen wir uns nicht genesen. Wir fühlen uns seltsam, die Atmung ist nicht wie vorher. Was übers Spazieren hinausgeht, ist sehr anstrengend. Wir kommen schnell ausser Atem. Eine Lesung könnte ich mir absolut nicht vorstellen …

Bevor uns der Virus kolonisierte, fühlten wir uns gesund, abgesehen von einem gewissen Übergewicht hatten wir beide überhaupt keine Risikofaktoren. Ich bin 52 und mein Mann ist nur ein paar Jahre älter.

Wir sind unendlich dankbar für den Schutzengel, den wir gehabt haben und wir hoffen jetzt, mit der Zeit fühlen wir uns wieder richtig gesund.

Drückt uns bitte die Daumen dafür! Und seid selber extrem vorsichtig! Selbst wenn man nicht ins Spital muss, sind Spätschäden an der Lunge nicht ausgeschlossen.

Copyright Anja Siouda 15. November 2020

Foto von Pixabay (Pexels)

5 based on 9 reviews

18 Comments

  1. Sadkowski Susan sagt:

    Ein tiefes herzliches danke schön für deine Zeilen, deine Offenheit und deine berechtigten Wünsche zur Vorsichtsnahme.
    Ja es kann uns alle treffen trotz der gut beachteten Schutzmassnahmen. Ich bin sehr froh habt ihr nun das Gröbste überstanden und es braucht unglaublich viel Geduld bis dieser Virus sich ganz bekämpfen bzw besiegen lässt. Die liebe Anja, deinem Mann und Sohn wünsche ich von Herzen eine gute Genesung. Alles Liebe Susan Sadkowski

  2. Silvia Ittensohn sagt:

    Danke Anja Siouda, dass Du uns an Deinen persönlichen Erfahrungen mit COVID-19 teilnehmen lässt; wir können daraus lernen, möglichst umsichtig zu sein.

  3. Friedrich Ernst sagt:

    Erstmal etwas Erleichterug, das es Euch wieder etwas besser geht. Eine Lehre daraus ist wohl, das alle Achtsamkeit dahin ist, bei nur einem kleinen Fehler. Ich hoffe Ihr erholt Euch wieder vollstaendig. Mit besten Wuenschen Fried.

  4. Liebe Anja,
    Wünsche euch weiterhin gute Besserung.

  5. Liliana Colombi sagt:

    Liebe Anja,
    Gott sei Dank, geht es Euch wieder besser.
    Das muss ja eine schlimme Erfahrung gewesen sein! Besonders wenn man vorsichtig ist , und es dann trotzdem passiert.
    Ich wünsche Euch eine rasche Genesung.
    Inchallah ist dieser Spuk bald wieder vorbei!
    Liebe Grüsse
    Liliana Colombi

  6. Monika sagt:

    Liebe Anja

    Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, macht mich deine Erzählung unglaublich bettoffen. Es zeigt mir einmal mehr, dass niemand diesem Virus entgehen kann, wenn es das Schicksal anders bestimmt.
    Ich bin froh für euch, dass kein Spitalaufenthalt notwendig war. Die Nachwehen sind ja offensichtlich nicht berechenbar, was ich schon oft gelesen habe.
    Dir und deiner Familie wünsche ich von ganzem Herzen gute Besserung und lasst euch Zeit, bis ihr wieder zu Kräften kommt.

    Liebe Grüsse
    Monika

  7. Schneider Beatrice sagt:

    Liebe Anja. Das ist eine der schmerzhaften Geschichten die das Leben schrieb und nur du in der Lage bist euere Erfahrung so nachvollziehbar nieder zu schreiben. Ich habe beim Lesen mit euch gelitten und so sehr auf ein gutes Ende gehofft. Es ist so schön, dass ihr das Schlimmste hinter euch habt. Ich wünsche euch allen eine schützende Hand auf dem Weg zur vollständige Heilung. Meine Gedanken sind bei euch.
    Herzliche Grüsse
    Bea Schneider
    PS. Es wäre gut, wenn dein Erfahrungsbericht auf Interesse bei den Medien stossen würde. Es gibt immer noch zu viele Menschen die diese Krankheit 🦠 verharmlosen….

    • Anja Siouda sagt:

      Herzlichen Dank liebe Beatrice! Bleib gesund!
      Eigentlich denke ich, dass es bereits viele Reportagen über Menschen gibt, die den Virus mehr oder weniger gut überstanden haben.

  8. Martin Hergersberg sagt:

    Vielen Dank für diese eindrucksvolle Schilderung. Weiterhin gute Besserung!

  9. DRIOUA Abdelkader sagt:

    شكراً لك آنيا على هذه القصة الرائعة ، وهذا التشويق وهذا الشعور بالمسؤولية الذي شعرت به وانا اقرأ هذه الواقعة الشيقة. الحمد لله على سلامتك و سلامة الابن والزوج و الجد العزيز ! لقد نجوتم بأعجوبة من الإصابة بهذا الوباء الفتاك. إحدى أخواتي مرت بنفس الشيء! ففي زمن الوباء هناك دائما احتمال الإصابة مهما اتخذنا من إجراءات الوقاية ومهما حرصنا على تطبيقها. فهناك دائما عامل المجهول غير المنتظر كزيارة مفاجئة. الملاك الحارس هو بدون شك دعاوي خير الجد الذي يشكركم في السر على كل الاهتمام والرعاية
    والحب التي يحظى بها كل عام عندكم. أتمنى لك ولكل افراد عائلتك الكريمة موفور الصحة والهناء. لقد صرت اكثر وعيا بمخاطر كورونا. لقد تغلبت بروايتك هذه على كل حملات التحسيس الحكومية. شكرا
    دريوة عبد القادر
    وهران الجزائر
    Vielen Dank, Anja, für diese großartige Geschichte, diese Spannung und dieses Verantwortungsbewusstsein, das ich während der Lektüre Deiner großartigen Geschichte empfunden habe. Gott sei gelobt! Ihr seid dem Virus entkommen. Eine meiner Schwestern hat dasselbe erlebt ! In Zeiten der Pandemie, Egal wie vorsichtig man sein kann , es gibt immer einen Risikofaktor, ein unvorhergesehenes Ereignis, das das Risiko einer Kontamination birgt. Ihr Schutzengel kann all die Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe sein, die Ihr dem alten Schwiegervater jedes Jahr schenkt. Jeder, der Deine Geschichte liest, ist sich nun des Kontaminationsrisikos bewusster. Gute Genesung und gute Heilung. Nochmals vielen Dank für dieses wunderbare Bewusstsein für die Realität des Corona-Virus!
    Drioua Abdelkader ( Oran/Algerien)

    • Anja Siouda sagt:

      Herzlichen Dank für dein zweisprachiges Feedback zu meinem Text und für deine guten Wünsche an uns, lieber Abdelkader! Wir sind wirklich sehr, sehr froh, dass wir den Virus überstanden haben. Ich hoffe, deine Schwester hat den Virus unbeschadet überlebt! Ja, man muss sehr vorsichtig sein. Ich wünsche dir und deiner Familie auch alles Gute und dass ihr gesund bleibt!

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