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Sackgasse der Zukunft

Bei der «Impasse de l’avenir» komme ich seit einiger Zeit jeden Morgen vorbei, wenn ich mit meinem betagten Schwiegervater unterwegs bin. Auf Deutsch heisst das wörtlich «Sackgasse der Zukunft», aber es handelt sich dabei um eine kleine Sackgasse im Quartier in der Nähe bei uns, hier in Frankreich, wo die Strasse «Rue de l’avenir» heisst, Strasse der Zukunft also. Früher ging ich nie in dieses Quartier, obwohl es fast an unseren Garten angrenzt, denn es ist sehr verwirrend angeordnet, wie ein Labyrinth kommt es einem vor, und ich fuhr höchst selten mal schnell per Velo hindurch und verirrte mich prompt jedes Mal. Ich habe keine Ahnung, warum dieses Quartier mit diesem Strassennamen benannt wurde. «Strasse der Zukunft» ist allerdings im Französischen nichts Aussergewöhnliches, man findet sie auch in der Westschweiz, die «Rue de l’avenir».

Googleseidank (vor allem Google Map!) konnte ich mir nun einen netten Rundgang durchs Quartier einprägen. Den sehr gemächlichen Morgenspaziergang zusammen mit meinem Schwiegervater, der sich damit mindestens 30 Minuten am Stück und am Stock (oder auch am Rollator) bewegt, mache ich natürlich sehr bewusst. Soviel schafft er nämlich zum Glück wieder, vier Monate nach seinem Schlaganfall, wovon er drei Monate in drei verschiedenen Spitälern verbrachte. Am Ostermontag, an dem er übrigens seinen Schlaganfall hatte, war er am Morgen noch wie immer zwei Stunden allein spazieren gewesen, auf dem Markt im Ort, wo er manchmal ein paar alte Bekannte traf.

Würde er sich jetzt nicht mehr regelmässig bewegen, ginge es schnell bergab mit ihm. Es würden Rückenschmerzen, Bettlägerigkeit und Wundliegen drohen. Er ist jetzt 84 Jahre alt und hat natürlich ein paar «Gebresten», auch eine ernste Krankheit, die dank einer verblüffend effizienten Therapie sehr gut behandelt werden konnte, aber er braucht keine Schmerzmittel und hat zu unserer Freude auch wieder Appetit. Er ist auch immer freundlich mit mir und manchmal bedankt er sich sogar bei mir. Das erwarte ich in seinem Zustand wirklich nicht von ihm, aber es freut mich natürlich trotzdem.

Ich kenne ihn seit mehr als 34 Jahren. In einem Sommer Mitte der Achtziger Jahre flog ich nämlich mit 18 Jahren von Zürich her zum ersten Mal und ganz allein zu meinem Brieffreund nach Algerien und dort lernte ich dessen ganze Familie kennen. Auch seinen Vater, der gerade in den Ferien zuhause war, und der ein Jahr später zu meinem offiziellen Schwiegervater werden sollte. Normalerweise arbeitete und lebte er seit den sechziger Jahren als einfacher Fabrikarbeiter in Frankreich, ganz allein und sehr bescheiden, ohne seine Familie, seine Frau und seine fünf lebenden Kinder, für die er stets alles gab! Er gönnte sich nichts, keinen Luxus, keine Ferien anderswo als einmal im Jahr zuhause. Er hing nicht in Kaffees herum und verlor auch kein Geld für Glücksspiele, wie der eine oder andere seiner Landsleute. Nur die Wallfahrt nach Mekka machte er zweimal mit seiner Frau, und auch die nur, als er längst pensioniert und die Kinder erwachsen und ausgebildet waren. Dass er, der schon als Baby seine Mutter verlor und ein paar Jahre später auch seinen Vater, nicht in eine richtige Schule ging, dafür sorgten die französischen Kolonialherren! Das algerische Volk sollte unwissend bleiben. Wehe dem, der auch nur mit einem Kugelschreiber in der Hand erwischt wurde! Nur in der Koranschule, die heimlich abgehalten wurde, lernte er lesen, schreiben und den Koran auswendig lernen. Mehr nicht. Seine Frau lernte nicht einmal das, wurde blutjung verheiratet und blieb ihr Leben lang Analphabetin. Unter ihren eigenen Kindern aber sind heute drei Akademiker und die beiden anderen haben ebenfalls eine Ausbildung. Alle fünf arbeiten in ihrem Beruf.

Wenn ich aber so im Zeitlupentempo mit ihm durch das Wohnquartier spaziere, entdecke ich nicht nur immer wieder etwas Neues, sondern ich reflektiere auch über sein Leben und über mein eigenes. Wo steht er jetzt, in seinem letzten Lebensabschnitt und wo stehe ich mit meinen 53 Jahren? Die «Sackgasse der Zukunft», an der wir täglich vorbeikommen, scheint mir schon recht sinnbildhaft für seine Situation. Denn was erwartet ihn, jetzt wo er leider ziemlich verwirrt ist und zudem schlecht hört und sieht, noch im Leben? Wird er seine Grossfamilie in Algerien, sein erstes Urenkelkind eines Tages noch wiedersehen können? Werden die Grenzen wieder normal aufgehen, Quarantänen auch für Geimpfte abgeschafft und Flüge auch von Lyon her wieder möglich? Seit Mitte Februar 2020 war er aus medizinischen Gründen ständig bei uns, auch früher kam er seit zwanzig Jahren jeweils etwa sechs Monate zu uns, als Pensionierter auch mit seiner Frau, meiner Schwiegermutter. Auch sie hat er nun seit anderthalb Jahren leider nicht mehr gesehen, ausser natürlich per WhatsApp.

Wie sieht seine Zukunft aus?

Und wie meine, unsere (mit ihm)?

Copyright Anja Siouda

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