Hummus حُمُّص
11 November 2022

Die Pechsträhne

Diesen Text schrieb ich vor etwas mehr als einem Jahr, im September 2021. Ich hatte ihn nicht veröffentlicht, weil ich fand, es gebe viel bedeutenderes Pech als jenes, das ich damals ausnahmsweise gehabt hatte. Insbesondere jetzt, ein Jahr danach, sind die globale Weltsituation und die Energiekrise für unzählige Menschen so katastrophal, dass meine Befindlichkeiten vor einem Jahr Bagatellen sind. Auf Facebook werde ich aber oft nach meinen Hühnern gefragt, und so sei nun doch erklärt, was es mit dem fehlenden Gackern im Garten und meiner Abstinenz beim Posten von Hennenfotos auf meinem Facebook-Profil auf sich hat.

Die Pechsträhne                                   

Es fing vor etwa viereinhalb Wochen, Ende August, an. Wenn ich hier bei uns zuhause in Frankreich im Garten gewesen war, spürte ich nach ein paar Minuten kleine Tierchen, die auf mir herumspazierten. Sie krabbelten nur auf meinen nackten Armen und schienen sonst nicht weiter an mir interessiert. Ich beachtete sie zuerst nicht weiter, schüttelte sie ab, beklagte mich aber bei meinem Mann und meinem Sohn darüber, dass ich ständig kolonisiert werde, wenn ich im Garten gewesen war. Ich stellte mir vor, die Winzlinge kämen vom hohen Gras im Gemüsegarten, den ich wegen des miserablen Wetters und auch, weil ich seit Anfang Juli meinen nach einem Schlaganfall dementen gebrechlichen Schwiegervater rund um die Uhr zuhause betreute, total vernachlässigt hatte. Ich erntete nur das Gemüse und die Himbeeren und verfolgte das Wachstum meiner schönen orangenen Kürbisse.

Etwas später hatte ich den Eindruck, die Tierchen seien nur auf mir, wenn ich im Hühnergehege gewesen war. Meiner Meinung nach fielen sie vom Feigenbaum des Nachbarn herab und ich ging fortan mit dem schwarzen Regenschirm zum Hühnergehege. Dann stutzte ich die Feigenbaumäste, die stark herabhingen und uns jeden Sommer mit leckeren Früchten beglücken, denn ich hatte im Internet Hinweise auf Spinnmilben gefunden, die auf Bäumen lebten.

Nun, ich hatte Dringenderes zu tun und forschte nicht weiter. Eine Facebook-Bekannte wies mich in einer Nachricht darauf hin, dass es sich bei den Besetzern vielleicht um die rote Vogelmilbe handle, die die Hühner angreife. Ich schaute nach im Hühnerstall, sah aber nichts Verdächtiges, vor allem nichts Rotes. Die Tierchen auf mir, das waren kleine graue Punkte.

Zur gleichen Zeit kündigte die algerische Regierung an, dass es neu statt nur sechs, 24 Flüge pro Woche Richtung Algerien geben würde. Von Paris nach Oran, Algier und Constantine. Leider immer noch keine von Lyon nach Setif. Mein Mann stürzte sich auf die Tickets und reservierte zwei für Mitte September. Für seinen Vater und ihn selbst. Sein Vater war aus medizinischen Gründen und wegen den fehlenden Flügen aufgrund der Pandemie schon fast seit zwei Jahren ununterbrochen bei uns zuhause. Mein Mann und ich waren in dieser ganzen Zeit nur zweimal drei Tage zusammen weggewesen. Wir hatten sozusagen zwei Jahre privaten Lockdown! Seine Frau und seine anderen Kinder, Enkel und seine Urenkelin hatte mein Schwiegervater seit sehr langem nicht mehr gesehen. Seit seinem Schlaganfall war er sehr geschwächt, aber wir gaben uns alle Mühe, ihn nach dem langen Spitalaufenthalt bei uns zuhause wieder zu Kräften zu bringen. Es ging ihm recht gut, er hatte wieder einige Kilos zugenommen und konnte am Rollator vierzig Minuten am Stück gehen. Dank täglichem Training mit mir!

Dann bekam er für seine langjährige Krebstherapie seine übliche Monatsspritze Anfang September und konnte zwei Tage lang, es war an einem Donnerstag und am darauffolgenden Freitag, kaum noch aufstehen. Etwas, was noch nie vorgekommen war bei diesem Medikament. Wir sahen das Reiseprojekt schon abstürzen. Dann vernahm ich auch noch am Telefon, dass meine Mutter in der Deutschschweiz Probleme hatte, die ich dringend lösen sollte.

Am Freitagmorgen sah ich ganz verdutzt und mit Bedauern, dass Punky, das witzige kleine graue Zwerghuhn mit der Punkfrisur, tot im Hühnerstall lag. Es war am Tag zuvor noch quietschfidel gewesen. Ich legte es in die kühle Garage, weil ich es später begraben wollte. Am Freitag hatte ich nämlich keine Zeit, weil ich Besuch von einer lieben Freundin erwartete, die ich seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Am Samstagmorgen teilte mir die Freundin meines Vaters telefonisch mit, dass es meinem Vater in der Deutschschweiz miserabel ging. Ich wusste das schon vorher, aber an dem Tag ging es wirklich gar nicht gut.

Am Samstagnachmittag holte ich das Zwerghuhn und legte es in eine kleine Mulde im sonst abgedeckten Kompostgitter. Dann wollte ich am Boden daneben, auf einem anderen Komposthaufen, den ich vor den anderen Hennen mit einer schweren Steinplatte abgedeckt hatte, mit der kleinen Handschaufel ein paar extrafrische Würmer und fette Komposterde über das Zwerghuhn schaufeln, um die Verwesung zu beschleunigen. Ich bückte mich und wollte die schwere Steinplatte nur kurz wegschieben. Da schoss es mir höllisch in den Rücken und ich stürzte zu Boden! Ich hatte mir einen Nerv eingeklemmt und konnte nicht mehr aufstehen. Ich rief meinen Sohn, der mir einen kleinen Hocker brachte, auf den ich mich schräg setzen konnte. Aufstehen war unmöglich, es tat so wahnsinnig weh, wenn ich die Position zu ändern versuchte. Mein Mann kam auch daher und wollte mir helfen, aber niemand durfte mich anfassen. Ich wollte das ganz langsam und sorgfältig machen. Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich mich dann an den Rücken meines Mannes hängen und zum Haus humpeln konnte. Seinen dementen Vater hatte mein Mann zur Siesta in sein Zimmer geschickt, er sollte mich nicht in diesem Zustand sehen, er hätte sich zu grosse Sorgen gemacht. Ich schaffte es dann irgendwie auf mein Bett und war für nichts mehr zu gebrauchen.

Bei jeder Bewegung auf dem Bett jagte es mir diesen höllischen Schmerz in den Rücken. Aufstehen, um auf die Toilette zu gehen, war eine enorme Tortur, ich schaffte es nur, indem ich mich mit einer Hand am Kleiderschrank hochzog und mit der anderen auf die Krücke meiner Schwiegermutter stützte, die wir noch im Haus hatten.

Die folgenden Tage waren schwierig. Ich dopte mich mit Schmerzmitteln und verbrachte viel Zeit mit Liegen. Auch die heisse Bettflasche half ein bisschen. Alle Alltagstätigkeiten verrichtete ich im Zeitlupentempo. Unser Sohn musste sowohl seinem Grossvater wie mir die Stützstrümpfe anziehen. Er musste uns zum langsamen Spazieren begleiten und ständig einkaufen. Plötzlich war ich froh, dass wir zusammen mit meinem Schwiegervater wie immer nur im Schneckentempo unterwegs waren. Kochen und Bügeln konnte ich zum Glück, alles waagrecht Getätigte war möglich. Um in die Waschküche zu gehen, musste ich den Umweg ums Haus herum über die Garage gehen. Die steile Treppe, die in unserem Haus ins Untergeschoss führte, konnte ich nicht benutzen. Unser Sohn musste auch den Hühnerstall öffnen und schliessen und die Eier holen. Er ging auf mein Anraten mit dem Schirm hinüber, aber als er sich in den Stall hineinbücken musste, um nach den Eiern im Nest zu schauen, kam er voller Insekten zurück! Auf seinem dunkelblauen T-Shirt wimmelte es bei seinem Nacken zu hunderten von Parasiten. Er schmiss das T-Shirt in den Garten und schüttelte sich. Es schüttelt mich noch jetzt, wenn ich daran denke!

Dann traf ich am Tag darauf den lieben italienischen Nachbarn, der gerade keine Hühner mehr hatte, weil seine letzten vom Fuchs gestohlen worden waren. Ich sprach über das tote Huhn und über die seltsamen Parasiten … da erklärte er mir sofort, das müsse die rote Vogelmilbe sein, die seine Hennen auch gehabt hätten. Er hatte sein Federvieh behandelt und den Stall mit Javel desinfiziert. Er gab mir den Rest seiner Spezialmittel für die Hühner und für den Stall mit, Muschelkalk zum Beispiel, aber ich ahnte schon, dass mir für diese Behandlung, die man mehrmals wiederholen musste, nun die Geduld, die Beweglichkeit und Schmerzfreiheit fehlen würden.

In etwa achtzehn Jahren als Hühnerhalterin hatte ich dieses Problem noch nie gehabt, ich hatte nur vage davon gehört und gedacht, das betreffe mich nicht, weil meine Hennen täglich ihre Sandbäder im Garten nehmen konnten. Wie naiv ich doch war! Die Parasiten wurden von den Vögeln an meine meist freilaufenden Hühner übertragen, daran hatte ich nie gedacht, aber der Nachbar klärte mich auf.

Wir hatten schon Probleme genug. Auch der Ofen spukte übrigens und die Waschmaschine hatte auch eine Panne. Sie wusch nur noch all zwei Tage einmal und ohne die Spülgänge, dann streikte sie. Spülen musste ich von Hand im Becken. Und ich ging immer noch an der Krücke, zwölf Tage lang insgesamt. Immerhin ging es dem Schwiegervater inzwischen wieder besser. Ich beschloss, die bereits infizierten Hennen dem Fuchs zu opfern, liess den Stall nachts offen und am nächsten Morgen war Grigia tot, vermutlich von einem Marder erwischt. Die schlaue Marylin, die weisse Henne, war aber noch mehrere Tage bei uns. Einsam scharrte sie im Garten. Sie schlief nicht mehr im verseuchten Hühnerhaus, sondern auf der blauen Schubkarre unter der Treppe beim Hauseingang. Auch der andere Nachbar, der nette alte Herr, bemerkte, dass sie sehr lustlos war und nicht richtig frass, wenn er ihr seine Cherry-Tomaten zuwarf. Die Blutsauger hatten sie natürlich auch schon attackiert und geschwächt. Eines Morgens waren nur noch weisse Federn da. Der Fuchs hatte sie von ihrem Leiden erlöst.

Die Parasiten sind immer noch im Hühnerhaus. Wenn man auch nur eine Sekunde lang einen Zeigfinger auf die Holztür setzt, ist er sofort mit unzähligen Milben besetzt. Es ist wirklich grausig! Wir werden das Hühnerhaus irgendwie verbrennen müssen, denn im Internet las ich, dass sie 34 Wochen lang ohne Blut überleben können. Zumal bei minus 10 Grad. Und die Eier könnten zwei Jahre lang intakt bleiben. Ein selbstgebastelter Holzstall wie der unsere war eine Katastrophe, weil sich die Milben in allen Ritzen verstecken konnten. Ich beschloss, einen Strich unter das Hühnerkapitel zu setzen. Mindestens ein Jahr oder zwei keine Hennen mehr. Sehr schade, aber wegen der Parasiten war es mir nun total vergangen.

Dann kam der ältere Sohn zu Besuch und verlor auf der Reise Papiere und Kreditkarten.

Danach besserte sich unsere Situation endlich. Mein Mann schaffte es tatsächlich, seinen gebrechlichen Vater im Rollstuhl in einer 20-stündigen Reise inklusive TGV nach Paris (mit einem Personenunfall) lebend in die Heimat zu bringen. Inzwischen geht es ihm gut, er hat sich von den Strapazen erholt und ist von seiner grossen Familie umgeben. Selber konnte ich wenigstens zu einem Osteopathen, da mein Hausarzt gerade zwei Wochen in den Ferien war und es geht mir besser. Ein Techniker untersuchte kürzlich die Waschmaschine, aber die Reparatur lohnt sich nicht und wir bestellten nach 15 Jahren eine neue Maschine, die nächstens geliefert wird.

Nun hoffe ich, mein Rücken erhole sich auch vollständig und ich werde mit dem Zug bald in die Deutschschweiz fahren, um mich um die Probleme meiner Mutter im Kanton Uri und meines Vaters im Aargau zu kümmern.

September 2021

Copyright Anja Siouda

Photo, Red Spider Mite, thanks to Egor Kamelev (Pexels)

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