Politesse im Mittelalter

Der alte Herr, bestimmt ein Mitte-Siebziger, der in Lyon in den Bus Nummer dreizehn zum Croix-Rousse einsteigt, hat schlohweisses Haar, einen eleganten hellen Hut, ein braungebranntes Gesicht und einen vifen Blick. An einem Stock geht er nicht und wackelig scheint er auch nicht auf den Beinen. Trotzdem, er ist ein gestandener Senior und die Höflichkeit, ihre gute Kinderstube, gebietet ihr, ihm seinen Platz anzubieten, obwohl sie als Stadttouristin eigentlich selber ziemlich müde ist und gerade so bequem sitzt. Der alte Herr steht nun aber mit dem Rücken zu ihr und sie muss ihn leicht an die Schulter tippen, um ihr Geschenkplatzangebot an den Mann zu bringen. Zumal er ein Hörgerät trägt, wie sie dabei auch gleich bemerkt und sie womöglich schlecht hören wird. Sofort dreht sich der alte Herr zu ihr um, wirft ihr einen lebhaften Blick zu und winkt lächelnd ab. Nein, nein, er sei doch noch kein Greis, im Gegenteil, noch ganz fit, und nach drei Haltestellen steige er sowieso wieder aus.

Aha, so ist das, denkt sie und fühlt sich etwas gekränkt. Wenn man einer älteren, noch gerade stehenden Person heutzutage einen Sitzplatz im Bus anbietet, wird es womöglich von dieser als Beleidigung aufgefasst. Wer will denn schliesslich schon als alt gelten heutzutage? Heute ist man noch jung, bis man neunzig ist! Forever young! Man nimmt vielleicht sogar noch an einem Marathon teil und trainiert täglich dafür. Reportagen über solche topfitten Senioren gibt es am Fernsehen je länger je mehr.

Bestimmt fühlen sich diese Athleten auch im Kopf noch ganz jung. Und haben sie nicht Recht? Man ist doch immer so alt, wie man sich fühlt, nicht so alt, wie man aussieht. Und sie erinnert sich: Als sie achtzehn war, waren Vierzigjährige, solche im Alter ihrer Eltern damals, für sie auch schon alt. Nun aber ist sie selber auch bald Fünfzig und findet sich noch ganz “jung”. Die Alten sind für sie jetzt eben die ab siebzig Jahren ungefähr, genau wie dieser alte Herr im Bus vor ihr. Würde man ihn fragen, würde es wohl heissen,  alt sei man erst so ab fünfundachtzig Jahren … Es kommt also immer aufs eigene Empfinden und den eigenen Standpunkt im Leben an!

Eigentlich aber wäre es ihr lieber gewesen, der alte Herr hätte ihren angebotenen Platz angenommen. Bei der nächsten Haltestelle steigen nämlich weitere Personen ein, auch ein paar in ihrem Alter. Und sie hat das Gefühl, eine Mauer der Missbilligung wachse um sie, den alten Mann und ihren Sitzplatz herum. Sie aber lässt sich nichts anmerken, bleibt stoisch sitzen und ist total erleichtert, als der alte Herr endlich beschwingt aussteigt, ihr nochmals lächelnd zunickt und dabei sogar galant den Hut hochhebt. Sie bleibt sitzen und lächelt in sich hinein.

Eine ältere Frau steigt ein. Wie alt sie wohl ist? Ihre Haare sind nicht weiss, nicht einmal grau, sondern rabenschwarz. Die Haarfarbe allein aber will nicht unbedingt etwas heissen. Im Gegensatz zu den Falten, die sie weniger gut verstecken kann. Sie wirkt auch nicht so sicher auf den Füssen wie der weisshaarige Mann vorher. Soll sie ihr nun ihren Platz anbieten oder nicht? Wird sie ihn dankbar annehmen oder schnöde ablehnen? Eigentlich müsste sie es sofort machen, nicht erst nach drei Minuten Bedenkzeit vor all den anderen Leuten im Bus. Sie steht also langsam auf, nimmt Blickkontakt mit der Schwarzhaarigen auf und erntet dabei einen bitterbösen Blick. „Wird aber auch Zeit!“, ruft die Alte empört und bleckt dabei die Zähne, sodass ihr schlecht sitzendes Gebiss erkennbar und die auf ihren Beisserchen gewachsenen Haare offensichtlich werden.

Okay, denkt sie, die Stadttouristin, diese also scheint sich noch älter zu fühlen, als sie mit ihren gefärbten Haaren und mit ihrer herunterrutschenden Prothese tatsächlich aussieht!

Plötzlich mag sie nicht mehr im Bus stehen bleiben. Sie drückt auf den Halteknopf und steigt bei der nächsten Station aus, obwohl es zu Fuss noch eine halbe Stunde und dazu ein paar Treppen hoch bis zur Endstation ist. Aber das macht nichts, so bleibt sie wenigstens fit bis ins hohe Alter!

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