Khalid und das wilde Sprachpferd, von Dunja Ramadan

Geflüchtete begegnen der deutschen Sprache -

Eines sei gleich vorausgeschickt: Dieses im Duden-Verlag erschienene Sachbuch mit dem besonders ansprechenden Cover mit einer arabischen Kalligraphie, eine Art soziolinguistische Mini-Studie, ist in meinen Augen ein ausgezeichneter Beitrag zur interkulturellen Verständigung zwischen Menschen aus dem arabischen Kulturkreis und solchen, die im deutschsprachigen Raum aufgewachsen sind.

Die Journalistin Dunja Ramadan, Tochter eines Ägypters und einer Deutschen, zeigt sehr deutlich und auf einprägsame und einfühlsame Weise auf, wie wichtig Sprache für die Integration ist und wie schwierig sich deren Erlernen für manche Flüchtlinge gestaltet. Dabei kann die Autorin auch auf eigene kulturelle Erfahrungen in Deutschland und in Ägypten zurückgreifen. Ihrer eigenen Aussage nach argumentiert sie im Deutschen und schimpft im Arabischen.  (S. 9)

Anhand von vier konkreten Beispielen legt die Autorin dar, wie unterschiedlich mit dem erzwungenen Erlernen der Fremdsprache Deutsch umgegangen wird. Da ist der junge Khalid, Journalist, der sich die deutsche Sprache dank selber erfundener Metaphern relativ schnell und gut aneignet, während Lina, die Dichterin, grosse Mühe damit hat, obwohl man gerade von ihr als in ihrer Muttersprache sehr Bewanderten eigentlich eine grössere Offenheit in Bezug auf Fremdsprachen erwarten würde. Für sie aber scheint das Erlernen des Deutschen beinahe wie ein Verrat ihrer Heimat und eine Bedrohung ihrer Identität. Sie leidet massiv an ihrer Sprachlosigkeit im deutschen Alltag, ist sie doch diejenige, die mit ihrer Dichtkunst im Arabischen jede sprachliche Raffinesse beherrscht. Eine lähmende Depression ist die Folge, aus der es manchmal einen Lichtblick gibt, wenn ihre arabischen Gedichte ins Deutsche übersetzt und öffentlich vorgetragen werden.

Auch die Anwältin Wesal Shbat und die Schriftstellerin Rasha Abbas kommen zu Wort und erklären nicht ohne Humor, womit sie mit der deutschen Sprache und Kultur Mühe haben und wie sie mit Sprachproblemen wie z.B. dem Genus-System teilweise phantasievoll fertiggeworden sind.

Dunja Ramadan listet auch interessante mnemotechnische Beispiele auf, eigentliche «sprachliche Überlebensstrategien» (S. 20), mit deren Hilfe syrische Flüchtlinge sich über ihre Muttersprache originelle Eselsbrücken bauen, um gewisse deutsche Ausdrücke besser im Kopf zu behalten. Wenn man als Leser selber des Arabischen mächtig ist, fällt einem die Originalität der aufgeführten Beispiele natürlich noch besser auf.

Ich finde, es gelingt der Autorin, der Leserschaft die Flüchtlinge anhand dieser Einzelschicksale näher zu bringen. Wir können uns dank ihren Ausführungen und Erklärungen besser in die Flüchtlinge hineinversetzen. Wir erinnern uns wieder einmal sehr deutlich daran, dass sie nicht freiwillig hier sind und dass es manchmal ein ziemlicher Spagat, ja ein schier unüberwindbarer Kraftakt für sie ist, Dankbarkeit und Integrationswillen fürs Gastland und Motivation für eine komplexe neue Sprache aufzubringen.

Das relativ schmale Buch greift anhand der beiden Sprachen Deutsch und Arabisch viele verschiedene kulturelle Themen, insbesondere natürlich Unterschiede auf und erklärt sie auf sehr verständliche Weise:

Die deutsche Bürokratie, Regeltreue und Perfektionierung, aber auch Diskutierfreude, die kulturellen Missverständnisse z.B. in Bezug auf Tierkosenamen im Deutschen, die im Arabischen unvorstellbar sind, die arabische Sprache der Liebe, das Schmachten als kulturelles Prinzip, der Alptraum der deutschen Komposita, die Präsenz der Religion in der arabischen Alltagssprache, das «arabisch-islamische Lebenskonzept» des Alhamdullilah (S. 111), die Ausweichstrategie mit der Inschallah-Formel, der krasse Gegensatz von Kollektivismus und Individualismus, von Fremd- und Selbstbestimmung, das Image-Problem des Arabischen in der westlichen Welt, die Tabus im Umgang mit Sexualität, die heikle Fehlerkultur und die Autoritätsgläubigkeit im arabischen Raum werden diskutiert und auch an Goethes, Herders und Heines Begeisterung für die arabische Sprache, insbesondere für die Beduinenlyrik, wird ausführlich erinnert. Auch die Erotikhandbücher diverser arabischer Autoren, von denen manche im Okzident noch nie gehört haben, werden erwähnt.

Da ich in meiner jahrzehntelangen interkulturellen Ehe viele Erfahrungen gesammelt habe und deshalb selber interkulturelle Romane schreibe, um zum gegenseitigen Verständnis unter den Menschen beizutragen, waren mir die meisten Themen in diesem Buch bereits bekannt, trotzdem habe ich auch Neues hinzugelernt oder unbewusst registrierte Unterschiede endlich einmal explizit erklärt bekommen.

Für Personen, die sich mit Sprachunterricht für Flüchtlinge befassen, aber auch für alle anderen, die offener und verständnisvoller auf Flüchtlinge zugehen möchten, ist dieses Buch ein Muss.

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