Illusionen und Träume

Illusionen und Träume 

Als junge Mutter hat man meistens ein paar Träume für seine eigenen Kinder. So hofft man, dass man ihnen einiges mitgeben kann auf ihrem Lebensweg, z.B. Werte, die einem selber wichtig sind: Respekt, Mitgefühl, Toleranz, Sinn für Gerechtigkeit. So ging es natürlich auch mir und ich kann wirklich sagen, dass mir diese Wertevermittlung zusammen mit meinem Mann gelungen ist.

Auf einer anderen Ebene aber haben sich die Träume als Illusionen herausgestellt. Auf der Ebene der Sprachen nämlich! Da ich selber als Deutschsprachige (und heute als diplomierte Übersetzerin) stets von Sprachen begeistert war und mit meinem arabischsprachigen Mann vom Anfang an unserer Begegnung (die zuerst nur in Form einer langjährigen Brieffreundschaft bestand) auf Französisch kommunizierte, erhoffte ich mir nach unserer Heirat und nach meinem Arabistik-, Germanistik- und Linguistik-Studium, dass sich meine Sprachleidenschaft ganz natürlich auf unsere Kinder übertragen würde. Ich träumte von dreisprachigen Kindern, die ganz selbstverständlich von einer Sprache zur anderen wechseln würden. Also von der Muttersprache Schweizerdeutsch zur Vatersprache algerisches Arabisch und zur Einschulungssprache Französisch.

Am Anfang, als die Kinder klein waren und wir in der Westschweiz wohnten, klappte es perfekt! Ich redete die Kinder stets auf Schweizerdeutsch an und sie antworteten mir auf Schweizerdeutsch. Mein Mann redete sie in seinem algerischen Dialekt an und sie antworteten ihm in seiner Sprache. Französisch sprachen die Kinder nur im Privatkindergarten und während der wenigen Halbtage, an denen sie bei einer Tagesmutter waren. Französisch sprachen zuhause nur mein Mann und ich miteinander. Wenn die Kinder mit ihrem Vater redeten, verstand ich ihren algerischen Dialekt, da ich in meinem Studium vor ihrer Geburt das klassische Arabisch gelernt hatte und den algerischen Dialekt gleichzeitig mit den Kindern zuhause dazulernte. Hierzu muss man wissen, dass sich das klassische Arabisch vom algerischen Dialekt in etwa so unterscheidet wie das Hochdeutsche vom Schweizerdeutschen. Das klassische Arabisch ist in der arabischen Welt die Sprache der Medien und die Schriftsprache, genau wie das Hochdeutsche in den deutschsprachigen Ländern.

Mein Mann, der keine Hochdeutschkenntnisse hatte, lernte mit mir und den Kindern im Alltag das Schweizerdeutsche verstehen.

Anfangs, als die Kinder Babys waren, notierte ich mir ihre dreisprachigen Fortschritte schriftlich. Es war wirklich interessant und auch amüsant, wie problemlos sie von einer Sprache zur anderen wechselten, je nachdem, wen sie vor sich hatten.

Als sie grösser wurden, wurde auch das Französische wichtig, aber stets nur ausser Haus. Zuhause sprachen die Kinder auf Schweizerdeutsch mit mir und im algerischen Dialekt mit ihrem Vater. Zusammen, also als Geschwister untereinander, sprachen sie nach einer Weile nur noch Französisch.

Mit der Zeit aber kamen die Kinder zuhause mit all ihren wichtigen Fragen nur noch zu mir, weil sie weniger gut Arabisch als Schweizerdeutsch konnten. Sie bekamen die Sätze im Arabischen gar nicht hin. Das war logisch, weil ihr Vater jeden Tag ausserhalb des Hauses arbeitete, während ich stets von zuhause aus tätig war und die Kinder immer um mich hatte, wenn sie von der Schule nachhause kamen. Sie hörten mein Schweizerdeutsch einfach viel öfter und der algerische Dialekt verkümmerte immer mehr, obwohl wir die Kinder sogar in einen arabischen Sprachunterricht brachten.

Da aber wollten wir im Grunde zu viel! Es war nämlich so: Einmal pro Woche übte ich mit den Kindern Hochdeutsch (also mit qualitativ gutem Lernmaterial, z.B. teuren Deutschbüchern, CDs usw.) und ebenfalls einmal die Woche übte ich mit ihnen auch das klassische Arabisch, d.h. ich half ihnen bei ihren arabischen Hausaufgaben und brachte die zwei jeweils mit dem Auto zu einer gebildeten Libanesin für eine teure Privatstunde (45 €). Damals wohnten wir schon in Frankreich.

Da ich im Gegensatz zu meinem Mann, der täglich drei Stunden fürs Autofahren zur Arbeit verlor, keine Zeit für einen Arbeitsweg vergeuden musste, blieb der arabische Sprachunterricht ebenfalls an mir hängen. Nach einer Weile realisierte ich aber, dass wir den Kindern sozusagen fünf Sprachen gleichzeitig beibringen wollten (Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Algerisches Arabisch, Hocharabisch, Französisch). Das Ziel war einfach zu hoch gesteckt und die Motivation der Kinder entsprechend.

So gab ich den wöchentlichen Sprachunterricht auf und meinem Mann schlug ich vor, dass wir hie und da alle zusammen Französisch sprechen sollten zuhause, damit wir alle Fragen der Kinder über Gott und die Welt gemeinsam diskutieren konnten. Ich fand nämlich, vor allem mein Mann verpasse als Vater etwas Grundlegendes, wenn die Jungen nur noch zu mir kamen mit ihren Fragen, weil sie sich im algerischen Dialekt nur radebrechend ausdrücken konnten.

Von jenem Tag aber war es, wie wenn mein Mann seinen algerischen Dialekt stummgeschaltet hätte. Er sprach nur noch auf Französisch mit unseren Kindern und alles wurde natürlich einfacher. So war es aber eigentlich nicht gemeint von mir, ich fand nämlich, er hätte trotzdem hie und da weiter in seinem Dialekt mit ihnen sprechen können.

Selber sprach ich weiter auf Schweizerdeutsch mit den Jungs, wenn ich mit ihnen alleine war. Aber von da an antworteten mir die Kinder nur noch auf Französisch und so ist es bis heute geblieben. Sie verstehen mein Schweizerdeutsch, bemühen sich aber nicht mehr, in meinem Dialekt zu antworten. Allerhöchstens versuchen sie es, wenn sie mit meinen Eltern sprechen, aber da meine Mutter sich auf Französisch gut verständlich machen kann, reden sie manchmal auch mit ihr Französisch. Würden die Jungs nun als Erwachsene ein paar Monate in der Deutschschweiz verbringen, würden sie das Schweizerdeutsche bestimmt immer noch sehr schnell und sehr gut lernen, denke ich.

Auch mit ihren Grosseltern väterlicherseits (sie wohnen seit 17 Jahren jeweils etwa sechs bis acht Monate pro Jahr in unserem Haus) haben die Kinder Mühe mit der Kommunikation. Auch mit ihren anderen Verwandten in Algerien. Ihre Kenntnis des algerischen Dialekts ist inzwischen leider wirklich minim.

Inzwischen ertappe ich mich sogar selber dabei, dass ich die Jungs auf Französisch anspreche, weil es einfacher geht und weil man in der Hektik des Alltags nicht immer Lust hat, alles ein zweites Mal auszudeutschen, um sicher zu sein, dass man verstanden wird. Dolmetschen durch den ganzen Alltag hindurch ist echt mühsam und im Laufe des Familienlebens hat man ja wirklich schon genug zu diskutieren.

Übrigens hatten die Jungs auf dem Gymnasium dann schon auch Hochdeutschunterricht, aber ihr Niveau blieb sehr bescheiden. Allerdings erscheint mir der Deutschunterricht hier in Frankreich wirklich sehr mangelhaft. Es ist z.B. so, dass keines meiner Kinder während des Unterrichts je etwas von grammatikalischen Begriffen wie Nominativ, Dativ, Akkusativ oder Genitiv gehört hat. Das Deklinieren wurde ihnen ihrer Schule in Frankreich nie beigebracht. Die französische Deutschlehrerin bestätigte mir dies auch wörtlich, dass es in ihrem offiziellen Lehrplan nicht mehr vorgesehen ist!

Ja, es ist für mich schon ein ziemlicher Wehmutstropfen, dass die Hochdeutschkenntnisse meiner Kinder so gering sind. Es ist ihnen deshalb nämlich auch unmöglich, meine Romane zu lesen!

Dabei habe ich meinen Erstlingsroman „Steine auf dem Weg zum Pass“ meinen Kindern und meinem Mann gewidmet. Und genau diejenigen Personen, die mir (abgesehen von meinen eigenen Eltern) am Nächsten stehen, können meine Texte nicht lesen!

Das ist bitter! Denn obwohl ich meinen Kindern und meinem Mann meine Romane mündlich zusammmengefasst und erzählt habe, ist eine solche Synopsis einfach nicht mit einer Gesamtlektüre vergleichbar, bei der man sich selber vom Text packen, ja mit Haut und Haar in die Geschichte hineinziehen lässt.

Wenn man als Schriftsteller jemandem einen Text widmet, tut man das nicht einfach so. Darin ist eine Botschaft enthalten, und in meinem Fall wäre diese: „Lest meinen Text, damit ihr mich und meine Perspektive versteht!“

So hoffe ich seit der ersten Auflage von „Steine auf dem Weg zum Pass“ 2010 auf eine Übersetzung ins Französische!

Manche sagen mir: „Mach sie doch selbst, du bist ja Übersetzerin!“, aber so einfach ist das nicht. Obwohl ich das Französische auch dank meinem 30jährigen Aufenthalt in französischsprachiger Region beherrsche und von dieser Fremdsprache nicht nur perfekt sondern auch kreativ ins Deutsche übersetzen kann, fällt mir die umgekehrte Übersetzungsrichtung, also vom Deutschen ins Französische, schwerer, wenn es sich um literarische Texte handelt.

Es widerspricht auch der Berufsethik der Übersetzer, in eine andere als in die Muttersprache zu übersetzen. Und ich weiss, dass ich insbesondere die poetischen Stellen in meinen Romanen nicht genauso schön ins Französische übersetzen könnte, wie es ihnen gebührt! (Ich habe es probiert und bin bis 150 Seiten gekommen, aber ich war nie zufrieden mit dem Ergebnis). Es bräuchte einen literarischen Übersetzer, der auch schriftstellerisches Talent hat, um meine Romane ins Französische zu übertragen. Zuallererst aber bräuchte es auch einen französischen Verlag (z.B. aufgrund des interkulturellen Themas auch einen in Nordafrika), der Interesse hätte, eine Übersetzung herauszugeben.

Immerhin hat die Westschweizer Zeitung „Le Courrier“ vor einiger Zeit spontant Ausschnitte meines Erstlingsromans auf Französisch übersetzt und in der Rubrik „Inédit Littérature Suisse“ publiziert. Hier kann man die Ausschnitte nachlesen:

http://www.lecourrier.ch/sites/default/files/courrier/inedit/siouda_pdf_15965.pdf

Übersetzungen von Literatur in andere Sprachen werden aber oftmals nur bei Bestsellerautoren gemacht, der finanzielle Aufwand lohnt sich ja sonst nicht. Oder die Werke von nicht weltbekannten Autoren werden übersetzt, wenn kulturelle Stiftungen wie z.B. Pro Helvetia die Kosten übernehmen.

Eine Übersetzung meiner Romane ins Französische würde es mir auch ermöglichen, endlich hier in meiner Wohnregion in Frankreich und in der Westschweiz Lesungen zu machen, denn es ist sehr schwierig, hier ein deutschsprachiges Publikum zusammenzubringen.

Ich reise deshalb seit meinen ersten Lesung 2010 meistens in die Deutschschweiz, um meine Romane und Erzählungen meinem Publikum zu präsentieren und, wie man sich vorstellen kann, ist der Reisespesenfaktor dabei enorm.

Da die Themen meiner interkulturellen, sozialkritischen Romane aber nach wie vor aktuell sind (Migration, Homosexualität und Ächtung lediger Mütter in der arabischen Welt, Zwangsprostitution) und da sie es aufgrund der aktuellen Weltsituation bestimmt noch sehr lange bleiben werden, träume ich weiterhin von einer Übersetzung ins Französische, ja gar ins Arabische, denn dieser Traum muss keine Illusion sein, wie der ausgeträumte Traum von der Mehrsprachigkeit meiner Kinder. Dieser Traum kann sich immer noch verwirklichen. Sogar posthum!

 

 

 

 

 

 

No Comments Yet.

Leave a comment