Die Diplomatin

Die Diplomatin 

Kürzlich erinnerte ich mich daran, dass ich als Kind nicht nur Schriftstellerin werden wollte, sondern eine Zeit lang auch Diplomatin, obwohl ich mir von diesem Beruf keine sehr konkreten Vorstellungen machte, ausser dass es ums Vermitteln zwischen verschiedenen Ländern ging. Einen gewissen Touch vom „Weltverbessern“ hatte der Beruf ebenfalls für mich.

Nun, ich studierte dann als Sprachenbegeisterte nach meiner Matura 1988 nicht etwa internationale Beziehungen, sondern Arabistik, Germanistik und Linguistik, und „holte“ mir ein halbes Jahr vor dem Abschluss des Gymnasiums meinen langjährigen algerischen Brieffreund aus Nordafrika und heiratete ihn in der Schweiz.

Diplomatie war von diesem Moment an Teil meines Lebens. Ohne Kompromisse, ohne einen gewissen Pragmatismus und ohne das Sich-hinein-fühlen-können in den anderen war eine interkulturelle Beziehung nämlich unmöglich.

Dieses Jahr feiern wir unsere 30jährige Ehe, und natürlich gab es in all den Ehejahren trotz familiärer Diplomatie diverse Konflikte, hie und da einen Mordskrach und auch regelrechten Frust. Wie könnte es anders sein, in drei Jahrzehnten des Zusammenlebens und auch mit dem Grossziehen von zwei zwar im Grunde lieben Jungen, die uns aber ab und zu mächtig auf den Wecker gehen konnten. So wie wir Eltern natürlich auch ihnen.

Auch als Mutter konnte ich meine diplomatischen Fähigkeiten weiterentwickeln, indem ich doch manchmal zwischen den heranwachsenden jungen Männern und ihrem Vater vermitteln konnte. Dass sich Jungen eher mit ihrem Vater messen, sich gegen seine Weltanschauungen stellen, als mit ihrer Mutter, die sich von ihren Argumenten schneller erweichen lässt, kommt ja öfters vor.

In diesen dreissig Jahren aber haben wir alle Hürden zusammen genommen, sind reifer und erfahrener geworden und haben aus der anfänglichen Verliebtheit die wahre Liebe heranwachsen lassen. Unser gegenseitiges Vertrauen und unser gegenseitiger Respekt, unser gegenseitiges Verzeihen, unser tiefes Einverständnis, das Wissen, zu jeder Zeit 200% auf den anderen zählen zu können und auf eine jahrzehntelange gemeinsame Familiengeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen zurückzublicken, sind das Kostbarste, was wir aneinander haben. Und natürlich bemühten wir uns bewusst darum, während der 30 Jahre Zärtlichkeit und Leidenschaft nie versiegen zu lassen.

Meine interkulturellen Erfahrungen sind nun vor genau zehn Jahren – 2007, als ich in zwei Sommermonaten meinen Erstlingsroman „Steine auf dem Weg zum Pass“ in einem regelrechten Glücksrausch schrieb -, zum ersten Mal in meine schriftstellerische Tätigkeit eingeflossen. Und ich habe sie auch in meine weiteren Romane „Ein arabischer Sommer“ und die noch nicht publizierte Fortsetzung eingebunden.

Ich versuche also auch mit meinem Schreiben zwischen den Menschen und den Kulturen zu vermitteln und als diplomierte Übersetzerin vermittle ich natürlich ebenso – zwischen den Sprachen! Insofern sehe ich mich heute als literarische „Diplomatin“.

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